Dingstede - Golfplätze sind eine sensible Angelegenheit. Sinkt im Winter die Temperatur unter null Grad, droht der feine, kurz geschorene Rasen auf den Greens unter jedem Fußabdruck zu brechen. „Kommen Sie, wir gehen lieber außen entlang“, sagt Dr. Reinhard Holländer. Wolfgang Riemer, Wilfried Vogel und ich biegen ab und folgen ihm durchs robustere Rough.
Unser Ziel liegt irgendwo zwischen Loch 17 und 18. Schon von weitem hören und sehen wir es. Bagger, Trecker und anderes schweres Gerät kreisen um einen großen Teich, rollen durch das Wasser, rupfen Bäume und Röhricht heraus als wären es nur ein paar Grashalme. Klar, dass auch sie um die 18 Spielbahnen einen großen Bogen machen müssen.
Hindernis und Biotop
Für Golfspieler – und auch während des Winters sind einige Unverzagte auf dem Gelände des GC Oldenburger Land unterwegs – bedeuten Teiche und Tümpel vor allem eines: Wasserhindernisse. Sogenannte „Penalty Areas“, wie sie seit diesem Jahr offiziell heißen. „Die meisten Golfer mögen sie nicht“, gesteht Holländer, der selbst Spielführer des Clubs ist. Kein Wunder, viele Bälle verschwinden in ihnen auf Nimmerwiedersehen. Das Hineinschlagen ist fast immer mit einem Strafschlag verbunden. Kompliziert sind zudem die Regeln für das „Droppen“ beziehungsweise das Wiederholen des Schlags.
Aus Sicht der Naturschützer hört sich die Sache deutlich positiver an. „Tümpel und Teiche sind wichtige Lebensräume für Amphibien“, erklärt uns Wilfried Vogel, seines Zeichens Fachmann des Nabu Hatten für Frösche, Molche und Schwanzlurche. Die wechselwarmen Land- und Wasserlebewesen brauchen allerdings unbedingt Sonne zum Überleben – deshalb werden die Teiche und Tümpel jetzt freigelegt.
65 Hektar ist das Gelände des GC Oldenburger Land, unweit des Dorfes Dingstede, groß. Lediglich fünf Hektar werden für den Spielbetrieb bewirtschaftet. „Der große Rest kann ein idealer Lebensraum für Vögel und Amphibien sein“, ist Wolfgang Riemer von der Nabu-Ortsgruppe Hatten überzeugt. Golfer Reinhard Holländer, von Beruf Mikrobiologe, nickt zustimmend. Etwa 30 Tümpel sind 1997/1998 während des Modellierens des Golfplatzes entstanden und über die Jahre immer mehr zugewachsen. Welch großes Potenziel die Anlage als Lebensraum für Amphibien, aber auch Vögel, besitzt, spielte anfangs keine Rolle.
Hunte-Wasseracht hilft
Vor mehr als acht Jahren hat Holländer dann begonnen, Flora und Fauna auf dem Gelände zu erfassen. „Turmfalke und Waldkauz, Gelbspötter, Kuckuck und Teichrohrsänger sind hier heimisch. Turteltauben, Singschwäne und diverse Spechte schauen immer mal wieder als Gäste vorbei.“
Durch den Kontakt zwischen Naturschützern und Golfern sind die Anstrengungen noch intensiviert worden. Anteil daran hat Marcus Navas, der so etwas wie eine lebendige „Schnittmenge“ ist – er golft in Dingstede und ist gleichzeitig Nabu-Mitglied. Dank ihm besuchten 2018 mehrere Nabu-Vertreter, darunter Bezirksgeschäftsführer Rüdiger Wohlers, den Club. Aus der ursprünglichen Idee, 200 Nistkästen aufzuhängen, wurde unvermittelt mehr, als bei einer Begehung die vielen kleinen Gewässer auffielen.
Anfangs versuchten Naturschützer und Golfer, aus eigenen Kräften einen Teich am Loch zwei wieder freizulegen – und scheiterten an den Schwierigkeiten. Über die Niedersächsische Bingostiftung konnte der Nabu zum Glück 12 000 Euro für professionelle Hilfe erhalten. Jetzt sind Fachleute der Hunte-Wasseracht vor Ort und übernehmen das Freilegen der Gewässer. Bis zum offiziellen Saisonstart Anfang April soll zumindest ein Großteil der Maßnahme abgeschlossen sein. Möglicherweise gehen die Arbeiten im Winter 2019/2020 weiter.
Gegen den Trend
Amphibienfachmann Vogel betont die Bedeutung der ungewöhnlichen Zusammenarbeit: „In der freien Natur verschwinden immer mehr Tümpel und Teiche. So etwas wie hier findet man kaum noch.“ Trotz der nicht zu übersehenden Arbeiten sei vonseiten der Golfspieler kein einziges kritisches Wort zu hören, freut sich seinerseits Spielführer Holländer. Allein beim Freilegen eines Tümpels wurden mehr als 200 Golfbälle aus dem Wasser gefischt – eine ganze Menge Strafschläge, aber für die Natur ein Gewinn.
