DöTLINGEN - Ein Leben ohne Internet, Fernseher und Handy: Was für viele Jugendliche wohl die Horrorvorstellung schlechthin bedeutet, ist für 20 Schüler der Reformschule Winterhude aus Hamburg zumindest vorübergehend Realität geworden. Auf einer kleinen Lichtung inmitten eines Dötlinger Waldstücks an der Hunte haben sie seit zwei Wochen im so genannten Archäologiecamp ihr Quartier bezogen. Bis zum Sonnabend noch bekommen sie dort neben grundlegenden Ausgrabungstechniken Tipps zum Überleben in der heimischen Wildnis vermittelt.

„Das Wetter hat uns übel mitgespielt“, sagt Archäologe und Campleiter Ullrich Masemann. In den ersten eineinhalb Wochen habe es so heftig und ausdauernd geregnet, dass es weniger um archäologische als um elementare Dinge ging. Schutz vor Kälte und Nässe sei während dieser Zeit das Hauptziel gewesen, erklärte Masemann. Zu diesem Zweck habe man eigens ein großes Zelt aufgebaut, in dem die nassen Klamotten trocknen konnten. Außerdem habe man die Sachen in den Räumlichkeiten der Bäckerei Brockshus aufhängen dürfen. „Das war wirklich ganz toll“, bedankt sich Masemann für die spontane Hilfsbereitschaft.

Doch mittlerweile grüßt über Dötlingen nur noch ein azurblauer Himmel, von weiteren Regengüssen blieben die Winterhuder Schüler in den vergangenen Tagen verschont – Gelegenheit genug also für die Jungen und Mädchen im Alter von 14 bis 17 Jahren, sich an die vielfältigen Aufgaben heranzumachen.

Die reichen vom Bau eines Steinzeithauses und eines Brotbackofens bis hin zum Errichten eines ganzen Grabhügels. Auch eine Exkursion zu den Großsteingräbern der Glaner Braut stand auf dem Programm. In vier Gruppen aufgeteilt bekommen die Schüler alle wichtigen Ausgrabungstechniken vermittelt, die ein Archäologe kennen muss. „Nach dem Camp sind die Schüler so weit, dass sie schon bei richtigen Grabungen als Hilfsarbeiter teilnehmen können“, erklärt Ullrich Masemann.

Und die Nachwuchsarchäologen sind mit Feuereifer bei der Sache: „Wir kratzen gerade den Boden aus. Dabei konnten wir sehen, dass das Gelände früher eingeebnet wurde“, berichtet Tim Hasche. Heimweh habe er nicht, doch die Vorfreude auf die Rückkehr ins heimatliche Elternhaus kann auch er nicht verbergen: „Am meisten freue ich mich auf eine Badewanne“, sagt der 13-Jährige und verweist auf das begrenzte Warmwasserangebot, das den Schülern zur Verfügung steht.


Probleme ganz anderer Art hat Samira Schmidt. „Ich wurde schon von zwei Zecken gebissen“, klagt die 14-Jährige. Und dennoch: Die Erfahrung, drei Wochen in der Wildnis zu leben, möchte sie nicht missen. „Ich nehme hier sehr viel für mich mit.“ Genau dies sei auch das Ziel der Winterhuder Reformschule, die ihre Schüler zu Beginn eines jeden Schuljahres durch verschiedene Projekte vor Herausforderungen stellt. Durch das Leben in der Gemeinschaft lernten sich die Schüler nicht nur besser kennen, sondern würden vor allem in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt, erläutert der Sozialpädagoge der Reformschule, Dietmar Tietjens.

Mit der Axt Bäume zu fällen, war Marc Wooges persönliches Highlight des Archäologiecamps. Jetzt ist er mit der Aufgabe betreut, das Feuer im Brotbackofen in Gang zu halten. Mit einem Blasebalg pustet er unablässig Luft in den Ofen – dass er dafür im dichten Qualm ausharren muss, nimmt der 15-Jährige in Kauf: „Wir müssen ja etwas zu essen bekommen.“ Jeden Tag ist ein anderes Team für die Essenszubereitung zuständig. Von einem begrenzten Budget werden Nudeln oder Tomatensuppe gekocht. „Ursprünglich wollten wir uns komplett aus der Natur ernähren. Aber dann wäre hier keiner satt geworden“, gibt Ullrich Masemann zu. Immerhin: Zuweilen gibt es selbst gepflückte Brombeeren zum Nachtisch.