Oldenburg - Marianne Stroman blättert in ihrem akribisch geführten Logbuch. Unzählige Kugelschreiber-Eintragungen von Koordinaten und Namen russischer Städte, Flüsse und Seen erinnern an eine Segelreise mit Expeditionscharakter: bitterkalt und unvergesslich. Die Stromans, Marianne und Hero-Jan – beide 68 Jahre alt –, haben mit ihrem Motorsegler eine Distanz von rund 6000 Kilometern zurückgelegt. Das entspricht einer Strecke von Oldenburg bis nach New York. Doch nicht die Stadt, die niemals schläft, war das Ziel der beiden, sondern die russischen Binnengewässer mit Passage zum Weißen Meer. Viel Schlaf haben die beiden dabei trotzdem nicht bekommen.
2004 gönnten sich die Stromans, die sich auf dem Meer ebenso heimisch fühlen wie in Eversten, die „Floreana“, ein motorisiertes Segelboot mit 10,10 Metern Länge und 1,35 Meter Tiefgang. Beide haben alle erforderlichen Bootsführerscheine gemacht, so dass sie sich gegenseitig am Steuer vertreten können. Die Rollen an Bord sind dennoch klar verteilt: „Mein Mann hat einen eingebauten Kompass, das ist phänomenal, ich müsste auf eine Seekarte gucken und würde noch verkehrt fahren. Ich bin eher der Smutje, aber ich kann ihn jederzeit vertreten“, sagt Marianne Stroman stolz.
Problem mit Seekarten
In diesem Jahr sollte es in unbekanntere Fahrwasser gehen, der Wunsch, Russland mit dem Segelboot zu erleben, war da. Doch wie tritt man eine Reise an, von der Segelexperten aus Sicherheitsgründen bis vor einem Jahr noch vehement abgeraten haben? Erschwerend kam für Hero-Jan Stroman hinzu, dass in ganz Deutschland keine oder nur begrenzt brauchbare Seekarten Russlands aufzutreiben waren. Überhaupt fehlten jegliche Informationen über das Wetter oder Tankstationen vor Ort. Zudem wurde ein russischer Lotse benötigt.
Das Lösungswort für viele ungeklärte Fragen lautete „Rusarc“ – eine Gesellschaft, die Reiserouten durch innerrussische und arktische Regionen organisiert und Touristen manch schlaflose Nacht ersparen soll. Eigentlich. Am 2. Januar 2014 stand dann morgens um 6.45 Uhr Daniel vor der Tür. Der junge Russe war mit dem Auto von St. Petersburg nach Oldenburg gefahren, um die Stromans mit Informationen über ihre bevorstehende Segelreise zu versorgen. „Ein Draufgänger, Idealist und Pfundskerl, doch leider schlecht organisiert“, erinnert sich Hero-Jan Stro-man an den 32-jährigen Lotsen. Von vornherein war klar, dass man sich auf ein Abenteuer einlassen würde.
Hamsterkäufe
Am 14. Mai konnte es von Lauterbach auf Rügen aus über Schweden, Lettland und Finnland losgehen. Immer wieder letzte Einkäufe an Land; so ganz trauten die Stromans dem Braten nicht. Am 10. Juni, um 0.30 Uhr, erreichte die „Floreana“ St. Petersburg mit einem Durchschnittstempo von fünf bis sechs Knoten (etwa zehn Stundenkilometer). Ihr Aufenthalt dort hätte beinahe mit der Kollision mit einem großen unbeleuchteten Binnenschiff begonnen, doch konnte das Schlimmste verhindert werden. „Wir wussten, dass das eine anstrengende Tour wird, die zu zweit nicht zu schaffen ist“, so die Stromans. Deshalb kam in St. Petersburg Tochter Insa aus Freiburg mit an Bord.
Dank der „Rusarc“ bekam die „Floreana“ weitere Gesellschaft, im Konvoi mit drei deutschen und drei russischen Booten ging es weiter Richtung Kronstadt. Der ärgste Feind dieser Reise sollte sich auch alsbald dazugesellen: das Wetter. Der kälteste Sommer seit 30 Jahren brachte bei der Besatzung der „Floreana“ den Zwiebellook mit mehreren Pullovern und Hosen übereinander in Mode. Eisregen und Starkwind verhagelten dennoch an manchen Tagen die Stimmung. Auch so manche Besichtigung an Land wurde zur nervlichen Zerreißprobe, weil stundenlang auf die russischen Segelkollegen aus dem Konvoi gewartet werden musste. Pünktlichkeit war jedoch bei der Durchfahrt von unzähligen Brücken und Schleusen unbedingt gefragt, da diese im Vorfeld „geordert“ wurden.
Dorffest für die Segler
Trinkwasser gab es unter anderem aus dem Ladogasee, Europas größtem Süßwassersee. „Das Wasser war so sauber, dass unser Filter ständig verstopft war“, lacht Hero-Jan Stroman. Ein Wasserdesinfektionsmittel verhinderte Magen- und Darmerkrankungen. Eiseskälte, Wind und Nebel waren auf Newa und Svir River ständige Begleiter. In Voznesenye, einem Dorf am Onegasee, wurde dem Konvoi ein warmherziger Empfang bereitet, der manche Entbehrung vergessen ließ. „1000 Leute haben uns zu Ehren ein Dorffest gefeiert, mit Musik, Ansprachen und Grillbuffet. Sogar der Tourismusminister Kareliens war da, um uns zu begrüßen“, staunten die Stromans. Dank des gestenreichen Einsatzes von Händen und Füßen klappte auch die Kommunikation mit der russischen Bevölkerung recht gut. In Petrozavodsk staunten die Stromans wieder nicht schlecht, als ihnen Ministerpräsident und Kultusminister Kareliens die Aufwartung machten. Dies waren jedoch nicht die ungewöhnlichsten Erscheinungen. Leichtbekleidete, vollbusige Damen räkelten sich bei eiskaltem Wetter in lasziven Posen auf dem Boot von Lotse Daniel, der diese für „Rusarc“-Werbeaufnahmen bestellt hatte.
Je weiter die Stromans Richtung Norden vordrangen, desto ärmlicher, aber auch unberührter wirkten die Gegenden, die sie durchfuhren. Oft verdrängte die urwaldähnliche Vegetation auf den Kuzova Islands jeden Gedanken an menschliche Zivilisation. Als sie sich nach manch durchsegelter Nacht zum Weißen Meer aufmachten, streikte die Technik. „Zu diesem Zeitpunkt ging das Vertrauen in unsere Weiterfahrt komplett unter“, bedauert Hero-Jan Stroman. Dank des hervorragenden Kartenmaterials der Russen wurde das Weiße Meer dennoch sicher erreicht. Mit der Strömung fuhren die Stromans den Weg bis nach St. Petersburg zurück und siehe da: Das Wetter wurde wieder besser. Nach 79 Tagen und 1143 Liter Diesel später waren die Stromans Ende Juli wieder in Lauterbach.
Was bleibt, sind unzählige Eindrücke: Erinnerungen an die größte Holzkirche der Welt in Kizhi, eine Husky-Farm, illuminierte Brücken, blutrote Sonnenuntergänge, das eisgraue Tageslicht des Nordens. Auch aus menschlicher Sicht war die Reise erhellend: „Die Russen, die wir getroffen haben, ob alt oder jung, waren alle freundlich, weltoffen und interessiert“, schwärmt Hero-Jan Stroman.
Wohl keine Wiederholung
„Es wäre gut, wenn es mehr Austausch zwischen den Jugendlichen in Russland und Deutschland gäbe, dann würde manches Missverständnis abgebaut werden und die Regierungen würden sich auch nicht so blöd anstellen. Die Leute dort haben die gleichen Bedürfnisse wie wir“, ergänzt seine Frau Marianne. Dennoch würden sie die Reise in dieser Art und Weise nicht wiederholen: zu anstrengend sei es gewesen, den Zeitplan einzuhalten, aber ohne Daniel hätten sie es wohl eh nicht geschafft, resümieren sie heute dankbar.
