EDEWECHT - „Ich baue bereits zum neunten Mal“, sagt Rolf Krüger. „Jetzt haben meine Frau und ich uns den Traum eines Reithdaches erfüllt.“ Auf dem Dach des neuen Domizils der Krügers in der Edewechter Wallstraße wird zurzeit auf Hochtouren gearbeitet. Mitarbeiter einer Firma aus Hude, die sich auf die traditionellen Reithdächer spezialisiert hat, legen Schicht für Schicht rumänisches Schilfrohr übereinander, schlagen es mit einem so genannten „Schlagbrett“ fest und fixieren es mit Drähten aus nicht rostendem Stahl.

„35 Zentimeter dick soll die Deckung werden“, erklärt Krüger, der mit seiner Frau noch in Portsloge wohnt. „Darunter kommen Glaswolle und eine Hartfaserplatte. Das Untergeschoss ist durch eine Betondecke geschützt.“ Das ist auch notwendig, denn bei allen Vorteilen der Reithbedachung – vor allem im Bereich Energiesparen – das Schilfrohr brennt auch sehr leicht. „So würde nur der Dachstuhl abbrennen. Ich hoffe aber, dass hier gar nichts brennt“, sagt Krüger. Versicherungsbeiträge für reithbedeckte Häuser kosten gut und gerne mehr das Doppelte eines „Pfannendaches“. „Früher war es sogar noch mehr“, sagt der 61-Jährige.

Für allzu sparsame Zeitgenossen ist so ein ungewöhnliches Projekt ohnehin nichts. Die Anschaffungs- und Baukosten sind beinahe doppelt so hoch wie die eines herkömmlichen Daches. „Nach einigen Jahren müssen dann noch einzelne Löcher gestopft und das Moos entfernt werden“, erklärt Bauherr Krüger.

Mit letzterem würden die Krügers weniger Probleme bekommen, sagt Jürgen Haye. Er arbeitet seit 32 Jahren als Dachdecker und hat sich auf Reith spezialisiert. „Hier in der Nähe gibt es nur wenig Schatten spendende Bäume“, sagt er, „daher trocknen die Halme schneller, und das Moos wächst langsamer.“ Zwar sind reithgedeckte Häuser selten geworden, aber die Huder haben immer noch viel zu tun. „Wir waren gerade erst in Dänemark und sind im ganzen nordwestdeutschen Raum unterwegs.“

Allerdings gäbe es immer weniger Anbieter, die Dächer mit Reith bedeckten, sagt Haye. Einen speziellen Ausbildungsberuf zum „Reithdachtechniker“ hingegen gibt es seit kurzem schon. Haye hatte sich das Dachdecken mit Reith selbst beigebracht. Auch immer weniger Bauherren entscheiden sich für die Schilfrohre über dem Kopf. „Das sind schon die Exoten“, sagt Gerold Warntjen von der LVM-Versicherung aus Westerloy. „Nur zwei bis drei Prozent meiner Kunden versichern reithgedeckte Häuser“.


In gut zwei Wochen soll das Reithdach fertig sein. Um den Jahreswechsel herum wollen Inse und Rolf Krüger dann in das Haus einziehen. Es soll für die beiden der letzte Neubau sein, Umzüge seien nicht mehr geplant. Was folgt, ist ein Leben unter dem „Traumdach“.

Schilfrohr über den Köpfen

Reith (oder Reet) ist die Bezeichnung für das Schilfrohr, das an Ufern oder in sumpfigem Gelände wächst. Schon weit vor Christi Geburt bedeckten Menschen ihre Häuser mit Reith/Reet.

Feuer und Flamme sind die großen Feinde des Reiths. Daher verschwanden im Lauf der Jahrhundert die reithgedeckten Häusern immer mehr aus dicht besiedelten Städten.

Ein großer Vorteil der Reithdächer ist die isolierende Wirkung. Im Sommer hält es die Hitze von außen ab, im Winter speichert es die Wärme im Innern.

Gesetzlich vorgeschrieben ist der Abstand des Daches zur Grundstücksgrenze. Bei Reithdächern beträgt dieser 6 (reine Wohnhäuser) bzw. 12 Meter (sonstige).

Blitzableiter und Rauchmelder sind nicht vorgeschrieben. Sie sind aber mehr als sinnvoll.

Mader mögen Reith sehr gerne und beißen wahre Löcher in die Schilfhalm-Deckung.