Lindern - „Was tun Sie, wenn Ihnen eine Kuh zu nah kommt und Sie das nicht wollen?“, fragt Philipp Wenz (44) und blickt in die Runde der umstehenden Landwirte. Die Antwort gibt er selbst: „Auf die Nase schnippen, aber kräftig. Das erschreckt die Kuh und erzeugt Respekt. Denn das ist die Goldene Regel der Dominanz. Fordere nie etwas von einem Tier, das Du nicht durchsetzen kannst. Sonst wird die Dominanz sofort infrage gestellt.“
Wenz weiß wie kaum ein anderer etwas über die „Seele“ eines Herdentieres. Der Experte aus Mecklenburg-Vorpommern ist ein „Kuhflüsterer“ und will Landwirten Kenntnisse vermitteln, die ihnen die Arbeit mit der Herde erleichtern. Aber auch die Tiere profitieren von einem stressarmen Umgang. Auf dem Hof der Familie Ulken in Lindern (Ammerland) gibt er praxisnahe Tipps. Nach einem theoretischen Teil, den eine kleine Gruppe von Landwirten aus der Umgebung interessiert verfolgt hat, geht es nun in den Stall.
Im Zickzack-Gang
Wenz steht mitten in der Kuhherde, die Hände in den Taschen und läuft im breitbeinigen Zickzack-Gang den Vierbeinern entgegen. Die ersten heben irritiert den Kopf, einige haben bereits den Rückzug angetreten. Er bleibt kurz stehen, wartet, dann geht er langsam weiter. „Das erzeugt Druck, der sich nach vorne fortpflanzt“, erklärt er. „Wenn es schwierig für Tiere ist auszuweichen, gebe ich ihnen Zeit.“ Und tatsächlich braucht es etwas, bis sich die Herde sortiert hat und schließlich alle Tiere in eine Richtung davontrotten.
Wie auch die Landwirte in der Runde bestätigen, sind die meisten Kühe in der Herde unkompliziert. Probleme bereiten aber die „sensiblen“ und die „büffeligen“. Sie sind schwieriger im Umgang und kosten Zeit. „Bei den sensiblen muss ich vorsichtig und langsam sein, bei den büffeligen baue ich gradlinig Druck auf. Man kann sogar ein einzelnes Tier durch die Herde durchtreiben“, erläutert der Kuhflüsterer und liefert postwendend den Beweis.
Die Landwirte wollen nun wissen, ob das Verfahren nicht nur im Stall, wo die Tiere ja nur wenig Ausweichmöglichkeiten haben, sondern auch auf der Weide funktioniert. Raus geht’s. Stumm und zielstrebig geht der Kuhflüsterer auf ein dominantes Rindvieh zu. Das blickt angriffslustig. Dann geht ein Zucken durch den Körper, und schließlich dreht das Tier ab und gibt auf.
Ruhiger Umgang
„Das ist verblüffend“, findet Landwirt Henning Ulken und staunt. „Die meisten Bauern werden in solchen Situationen laut. Dabei geht es, wie man sieht, auch ganz ruhig.“
So wie er reagieren viele Teilnehmer, die einen Lehrgang mit Philipp Wenz absolviert haben. Deshalb hat die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Bezirksstelle Oldenburg-Nord, den aus Funk und Fernsehen bekannten Tierexperten engagiert. „Es ist ein Baustein von vielen in einem Kursus, der sich mit Naturheilverfahren beschäftigt“, erläutert Heino Martens, Berater für Tierproduktion bei der Landwirtschaftskammer.
Diese Themen seien schon lange Trend bei Rindviehhaltern. Bis zu 100 Teilnehmer pro Jahr, meist Frauen, habe die Bezirksstelle registriert. „Viele Landwirte suchen nach Alternativen, Akupunktur und andere Methoden spielen dabei eine Rolle. Manchmal wird auch auf Behandlungsmethoden von früher zurückgegriffen“, erklärt Martens.
Kenntnisse im Umgang mit den Tieren gehören ebenfalls zu den Lehrgangsinhalten. „Es passieren immer wieder Unfälle mit Rindern. In dem Kursus lernen die Landwirte von Philipp Wenz nicht nur, effizienter und stressarm mit den Tieren umzugehen, es ist auch ein Gewinn an Sicherheit.“
