Schlutter - Windmühlen, das ist bekannt, sind in der Unterhaltung aufwendig – und bergen Risiken. Diese Erfahrung machte auch die Familie Diekmann, als kurz vor 1900 die Flügel ihres Galerieholländerns herunterwehten und erheblichen Schaden anrichteten. Eine Generation später baute Johann Dietrich Diekmann die Gefahrenquelle ab. Er setzte statt dessen auf einen stattlichen Dieselmotor – und stellte die Weichen für ein Unternehmen, dessen Geburtsstunde sich 2014 zum 100. Male jährt: das „Elektrizitätswerk Schlutter-Holzkamp“, das die Bauerschaften östlich von Ganderkesee erstmals mit elektrischem Strom versorgte.
Mit dem Abschied von der Windkraft begann 1914 ein neues Kapitel in der Schlutteraner Mühlengeschichte – einer Geschichte, die am 5. April 1873 auf dem Poppenfeld an der heutigen Adelheider Straße begonnen hatte. Damals kaufte Johann Heinrich Diekmann, „Mühlenknecht aus Hasbergen“, für 800 Thaler Courant knapp einen Hektar Land. „Sofort nach dem Erwerb des Ackers wurde mit dem Bau einer Holländer-Windmühle begonnen“, so steht es in der Chronik der Diekmannschen Schluttermühle. Fast zeitgleich entstand ein Wohnhaus, 1904 auch eine Schwarzbrotbäckerei.
In der ersten Jahreshälfte 1914 wurde dann das Elektrizitätswerk gegründet – also noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die alten Mühlenflügel wurden nach Nordenholz gebracht, um die dortige Windmühle anzutreiben. Allerdings: Auch die damals angeschafften Utensilien zur Stromproduktion seien heute nicht mehr vor Ort, sagt der jetzige Firmeninhaber Jürgen Diekmann. Einzig ein Firmenschild im Betriebsgebäude erinnert an die Pioniertage.
Freilich: Der Zeitpunkt, um zusätzlich zum Mühlenbetrieb auch in die Stromproduktion einzusteigen, war – aus heutiger Sicht – ungünstig. Denn im Ersten Weltkrieg stand das für Kriegszwecke benötigte Kupfer nicht für den Leitungsausbau zur Verfügung. „Daher mussten einige Teilstrecken mit Eisenleitungen versehen werden“, heißt es in der Chronik.
In welchem Tempo das Netz aus Freileitungen gebaut wurde, ist nicht bekannt. Rudolf Vosteen vom Heimatmuseum Schlutter ist überzeugt, dass die Verbreitung der elektrischen Energie nach 1914 sehr zügig vonstatten ging: „Da wollte wohl keiner mehr mit der Petroleumlampe für Licht sorgen.“
Als Johann Dietrich Diekmann im dritten Kriegsjahr (1916) eingezogen wurde, übernahm mit Johann Tönjes ein Kriegsversehrter die Betreuung des E-Werks. Tönjes, so weiß es Vosteen, habe sich so sehr in die für ihn neue Materie hineingefuchst, dass die Menschen in Schlutter und umzu ihm schon bald einen Spitznamen verpassten: „Jan Ortsmonteur“.
Nach dem Ersten Weltkrieg – jetzt hatte Johann Dietrich Diekmann wieder den Stab übernommen – wurde das E-Werk von 110 auf 220 Volt umgestellt. Auch galt es, das Versorgungsnetz zu erweitern. Eine (undatierte) Liste der Abnehmer, die sich in Kopie im Heimatmuseum Schlutter befindet, umfasst mehr als 130 Haushalte – in Schlutter, Holzkamp, Neu-Holzkamp, Hoyerswege, Landwehr, in Strudt-hafe oder Schillbrok.
Zu Ende ging die Ära des E-Werks im Jahr 1932, als Johann Dietrich Diekmann das Werk samt Leitungsnetz verkaufte. Jetzt war die „Stromversorgungs AG Oldenburg-Ostfriesland“ neue Eigentümerin, eine Großraumversorgung zeichnete sich ab.
Das (vorerst) letzte Kapitel in Sachen Stromerzeugung schrieb viel später Jürgen Diekmann. Von 1995 bis 1999 versorgte er via Generator die Schluttermühle und speiste den Rest – wie weiland sein Großvater – ins Netz ein.
