Wildeshausen - Für Ingo Hermes war es eine Premiere. Zum ersten Mal hielt der im vergangenen Jahr gewählte neue MIT-Vorsitzende die Festrede beim Grünkohlessen der Mittelstandsvereinigung. In den vergangenen Tagen hatte er immer wieder an seiner Rede gefeilt, verriet er. Dass sich das gelohnt hatte, bestätigte der Applaus der 250 Gäste auf Gut Altona.
Ganz ohne das Thema Flüchtlinge kam auch Hermes nicht aus. „Uns als Unternehmensleiter interessiert: Wie bekomme ich diese Menschen möglichst schnell in ein geregeltes Arbeitsverhältnis? Der demografische Wandel schlägt in Zukunft immer größere Lücken in den Arbeitsmarkt. Auch wenn Flüchtlinge nur mittelfristig bis langfristig diesen Wandel mildern können, so müssen wir diese Chance frühzeitig nutzen und jetzt die richtigen Weichen stellen“, betonte Hermes. Erste Veranstaltungen mit Arbeitsagentur und Handwerkskammer habe es bereits gegeben.
Weniger Auflagen
Der MIT-Vorsitzende kritisierte auch die immer mehr um sich greifenden „Kontrollmechanismen“ des Staates. „Es ist eine Schande, dass eine ganze Wirtschaft beim Thema Mindestlohn unter Generalverdacht gestellt wird und ein Kontrollmonster geschaffen wird. Meine Aufforderung an die Politik ist: Ketten Sie uns Mittelständler nicht durch zu viele Auflagen an. Lassen Sie uns den Spielraum und bestrafen sie nicht alle, aufgrund weniger schwarzer Schafe.“
Lob gab es für den wieder „direkteren Draht“ zur Wildeshauser Politik. Hermes sprach sich erneut für ein Industriegebiet in Wildeshausen aus. „Das beschäftigt uns leider schon zu viele Jahre.“ Er forderte ein klares Bekenntnis von Stadt und Landkreis. „Viele Nachbargemeinden bieten potenziellen neuen Unternehmen ausreichende Flächen für Gewerbe und Industrie. Wenn wir in Wildeshausen nichts zu bieten haben, wird es mittelfristig eine Schwächung des Standortes geben.“
Die MIT hat aber auch die „weichen Standortfaktoren“ im Blick. Hierzu gehören die Attraktivitätssteigerung der Innenstadt sowie die Schaffung von attraktivem, bezahlbaren Wohnraum. „Nur so können wir langfristig das hohe Potenzial unserer Mitarbeiter ausbauen beziehungsweise erhalten“, betonte Ingo Hermes.
Dass der Standort Wildeshausen auch für global denkende Unternehmen sehr interessant sein kann, betonte Laudator Dr. Werner Brinker in seiner Rede. Viel Zeit hatte er sich im Vorfeld genommen und die Firma SSC sowie deren Chef Hinrich Eden (58) besucht. Was der ehemalige EWE-Chef sah, begeisterte ihn.
Erfolgreicher Neustart
Ursprünglich hatte SSC Wind seine Wurzeln in Bremen. Damals baute die Vorgänger-Firma noch Türme für Windkraftanlagen. Als 2004 ein Auftrag platzte, blieb das 250-Mitarbeiter-Unternehmen auf unbezahlten Türmen sitzen – und rutschte in die Insolvenz. Für Hinrich Eden kein Grund, aufzugeben. Im leer geräumten Wohnzimmer fing er gleich wieder neu an – mit dem Wildeshauser Rene Psarski. Man verlegte sich nun auf Reparatur und Wartung von Windkraftanlagen. „Wir hatten acht Monteure, die haben in dieser schwierigen Zeit zu uns gehalten“, so Eden.
2006 siedelte man nach Wildeshausen um. Das Unternehmen expandierte weiter. 2008 hatte man bereits 40 Angestellte. Siemens, General Electric, Nordex – Weltunternehmen beauftragten die Wildeshauser. Und die folgten nach Rumänien, Polen, in die Türkei oder Litauen. „Wir sind dort mit Beteiligungen und Know-how dabei, zusammen mit lokalen Partnern.“ Von der Fundamentoberkante bis zum fertigen Windrad kümmern sich die Wildeshauser inzwischen vom Aufbau bis zur Wartung um zahllose Anlagen. Nicht mehr nur an Land, sondern auch offshore. Drei Schiffe, Helikopter – SSC Wind ist zu Lande und zu Wasser mit vielen Dienstleistungen dabei. 20 Firmen und Beteiligungen gehören inzwischen zur Holding, 300 Mitarbeiter gibt es im Verbund.
Trotz der Internationalität schätzt Hinrichs die lokale Zusammenarbeit in Wildeshausen. „Es gibt hier ein wunderbares Netzwerk an Unternehmen. Da läuft viel auf Zuruf.“
Den Preis sieht er vor allem als Auszeichnung für seine Mitarbeiter und als Motivation. „Unsere Innovation kommt aus den Köpfen im Unternehmen. Wir freuen uns tierisch.“
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