Quanens - Der Großteil landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland wird von Männern geführt. Nur sehr wenige werden von einer Frau selbstständig bewirtschaftet. „Noch heute werden die Höfe meistens an die Söhne vererbt“, sagt Agrarwissenschaftlerin Talea Becker aus Quanens im Wangerland.
Die 30-Jährige ist selbst auf einem Milchviehbetrieb aufgewachsen. Nach dem Abitur hat sie zunächst ein Semester Germanistik studiert, bevor sie sich doch für Agrarwissenschaften entschieden hat.
„Ich habe mich gefragt, wie die Frauen sind, die tatsächlich als Chefin einen Hof führen“, sagt Talea Becker. So entstand die Idee für ihr erstes Buch „Hast du keinen Bruder? – Porträts selbstständiger Landwirtinnen“, das jetzt erschienen ist.
In dem Buch beschreibt Talea Becker elf Frauen und ihre Betriebe. Die Frauen hat sie ab 2013 in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen getroffen und interviewt. „Sie bewirtschaften kleine und große Betriebe, betreiben unter anderem Milchwirtschaft, Ackerbau, Schweinemast, Obst- und Gemüseanbau oder einen Bio-Hof“, sagt Talea Becker.
Sie habe bei der Auswahl ihrer Protagonisten darauf geachtet, dass diese unterschiedliche Betriebszweige bewirtschaften und so einen Querschnitt durch die Landwirtschaft bilden. „Die Jüngste ist 30 Jahre alt, die Älteste 84“, erzählt Talea Becker.
Die Frauen in dem Buch sind anonymisiert, weil sie nicht nur von den schönen Seiten ihres Berufes berichtet, sondern auch von den Schwierigkeiten etwa mit Mitarbeitern oder Händlern. „Auch erzählen viele sehr persönliche Dinge, etwa wie sie mit Scheidung oder Tod des Ehepartners umgegangen sind“, sagt Talea Becker.
Das Buch soll Frauen, die sich in der Landwirtschaft selbstständig machen wollen oder dort bereits selbstständig sind, zeigen, dass sie nicht alleine sind. „Die Frauen können auch Vorbilder sein, denn alle eint, dass sie trotz einiger Probleme ihre Höfe wirtschaftlich führen“, sagt Talea Becker. Und dass die Frauen auch viele positive Erfahrungen mit ihren männlichen Kollegen, Mitarbeitern und Händlern gemacht haben. „Auch wenn eine Frau Humor braucht, denn es kommt immer mal wieder vor, dass sie bei einer Aufgabe unterschätzt wird“, sagt Talea Becker.
Während die älteren Frauen meistens durch Scheidung oder Todesfälle in der Familie die Höfe übernommen haben, haben sich die jüngeren Frauen bewusst für diesen Weg entschieden: „Das zeigt, dass sich das Bild vom stets männlichen Landwirt langsam wandelt“, sagt Talea Becker. Inzwischen sei es nämlich dank des technischen Fortschritts, auch für eine Frau sehr gut möglich einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. „Längst entscheidet nicht mehr die Muskelkraft über Erfolg oder Misserfolg, sondern das Köpfchen“, hat Talea Becker festgestellt.
Auch der Umgang mit den schweren Landmaschinen sei für die meisten Frauen inzwischen kein Problem mehr: „Die können auch mit einem Schlepper rangieren“, sagt Talea Becker.
Und ein weiteres Klischee hat sich nicht bewahrheitet: „Die Landwirtin ist auf der Straße nicht als solche zu erkennen, sie geht nicht mit Gummistiefeln und Kopftuch einkaufen“, sagt Talea Becker und lacht.
Das Buch von Agrarwissenschaftlerin Talea Becker „Hast du keinen Bruder? – Porträts selbstständiger Landwirtinnen“ ist in Jevers Buchhandlungen und unter der ISBN 978-3-9817285-0-7 erhältlich. Es kostet zehn Euro pro Exemplar.
