Zetel/Bockhorn - Graf Johann von Oldenburg hatte ein Problem: Im Jahr 1575 erbte er das Jeverland – doch von Oldenburg bis ins Jeverland führte kein direkter Weg. Die „Schwarze Brack“ lag dazwischen. Über Land führte der Weg ins Jeverland nur durch Ostfriesland – und somit über feindliches Gebiet. Er musste also einen befestigten Weg über das „Schwarze Brack“ – einen Ausläufer des Jadebusens, der damals noch bestand – bauen, um sein neues Hoheitsgebiet erreichen zu können. Also gab er den Bau des „Ellenser Damm“ in Auftrag. Der wurde am 31. Juli 1615, also genau vor 400 Jahren, fertig.
Graf feuert seinen Arzt
Rund zwanzig Jahre dauerte der Bau. Graf Johann leitete die Arbeiten vom Schloss Neuenburg aus, aber er war auch oft selbst bei Wind und Wetter draußen und überwachte die Damm-Bauarbeiten. Unzählige Pferdegespanne brachten das Material für den Dammbau, etwa tausend Arbeiter kämpften mit den Prielen, dem Watt und dem Wind. Der Oldenburger Herrscher war mittlerweile 62 Jahre alt. Sein Leibarzt riet ihm, sich zu schonen, statt sich bei der Baustelle dem Wind und Wetter auszusetzen. Der Graf feuerte den Arzt kurzerhand.
Noch in seinem Testament rühmte sich Graf Johann: „Ich habe ganz gewaltige Plätze mit unsäglicher Mühe, Geldaufwand und Hintansetzung meiner Gesundheit, wie ich jetzt am besten fühle, ja mit Leibes- und Lebensgefahr der Salzen See und den Strömen aus dem Rachen gezogen und eingedeicht.“ Er starb 1603 im Neuenburger Schloss.
Ostfriesland vor Gericht
Dann übernahm Graf Anton Günther von Oldenburg die Aufgabe, den Deich fertigzustellen. Er kämpfte dabei nicht nur mit Wind und Watt, sondern auch mit den Ostfriesen – denn die hielten einen Damm durch das „Schwarze Brack“ für eine ganz schlechte Idee. Sie glaubten, dass der Damm den bis dahin lebhaften Handel von Neustadt-Gödens beeinträchtigen könnte. Sie fürchteten außerdem um Zoll-Einnahmen. Mit einem zermürbenden juristischen Streit, der einen schleppenden Verlauf nahm, versuchten die Ostfriesen, den Dammbau zu verhindern.
Holländer geben auf
Auch die Kraft des Meeres machte den Dammbauern oft einen Strich durch die Rechnung. Immer wieder riss die Flut Löcher in den Damm, die das Wasser immer weiter zu großen Lücken aufriss. Graf Anton Günther von Oldenburg beauftragte deichbau-erfahrene Holländer damit, die Lücken endgültig zu schließen. Die Anforderungen an Materialien stellten alles bisher dagewesene in den Schatten.
Die Holländer forderten 100 000 herkömmliche Holzstämme, 450 angespitzte Holzpfähle (6,60 Meter lang), 60 Mastbäume, 200 Baumsparren und, mehr als 200 000 Bünde Buschwerk und Reisig an.
Immer, wenn die Ebbe den Damm freilegte, arbeiteten unzählige Männer wie besessen daran, die größte Lücke zu schließen. Dann kam die Flut und riss alles wieder ein. Die Holländer gaben schließlich auf.
Arend Stindt, Vogt von Zwischenahn, nahm den Bau daraufhin unaufgefordert in seine Hände. Mit tonnenweise Erdreich, das von den Inseln im Jadebusen abgetragen wurde, und Sandsäcken schafften die Männer es, unter seiner Leitung die Lücke zu schließen. Gefeiert wurde das mit Gewehrsalven und brennenden Teertonnen. Arend Stindt wurde für seinen Erfolg aber nicht belohnt. Der Hauptmann von Rüdigheim ritt zum Grafen und überbrachte ihm die frohe Kunde. Dafür bekam er 1000 Taler.
Weg frei ins Jeverland
Die Kosten für den Dammbau waren viermal höher als der Wert des Landes, das mit dem Damm eingedeicht wurde. Mit einem Kostenaufwand von 700 000 Reichstalern wurden 1600 Hektar Land eingedeicht. 1666 wurde die neue Landesgrenze zwischen Oldenburg und Ostfriesland vermessen. Den Rechtsstreit, den die Ostfriesen führten, um den Damm zu verhindern, haben die Ostfriesen verloren. Letztlich profitierten aber auch sie von der neuen Landvermessung.
Und mit dem Damm war der Weg endlich frei von Oldenburg über Rastede, Hahn, Neuenwege, Varel und Sande nach Jever – ohne dass jemand einen Fuß auf ostfriesisches Gebiet setzen musste.
Heute verläuft auf dem früheren „Ellenser Damm“ die Landesstraße 815 von Blauhand nach Sande.
