Elsfleth/Leer - Vor gut fünf Monaten verließ die „Anny von Hamburg“ den Leeraner Hafen. Das 1914 auf der Werft C. Lühring in Kirchhammelwarden erbaute Segelschiff wurde zur Elsflether Werft gebracht. Die Traditionswerft, die 2016 ihr 100-jähriges Bestehen feierte, hat zwar am 20. Februar Insolvenz angemeldet. Doch davon ist der Dreimastgaffelschoner nicht betroffen. „Wir haben noch keine Aufträge an die Werft vergeben. Wir nutzen dort nur einen Anleger und arbeiten selber an dem Schiff“, sagt Cornelius Bockermann.
Cornelius Bockermann ist Reeder und Kapitän. Er studierte an der Fachhochschule Ostfriesland Nautik und Schiffsmaschinentechnik und war 20 Jahre als Unternehmer. Seine Reederei Timbercoast, die er 2013 gegründet hat und in Elsfleth ansässig ist, soll ein Gegenmodell zur heutigen Frachtschifffahrt sein. Der Frachtsegler „Avontuur“ ist zurzeit das einzige Schiff der Reederei. Die „Anny“ möchte er nun entweder wieder als Frachtsegler oder als Passagierschiff nutzen. „Das ist noch nicht endgültig entschieden. Wir müssen das Schiff erstmal sehr genau unter die Lupe nehmen“, sagt Cornelius Bockermann.
Rund acht Jahre lang hatte die „Anny“ in Leeraner Freizeithafen vor der Nesse gelegen, bevor Unternehmer Hans Georg Näder, Chef der Otto-Bock-Firmengruppe mit Sitz im niedersächsischen Duderstadt, sie im vergangenen September übernommen hatte. Ihr Management führt auch die Firma Timbercoast, deren Fachgebiet es ist, Fracht klimaschonend mit Segelschiffen zu transportieren.
Bei einer ersten Ultraschalluntersuchung des Schiffsrumpfes offenbarte sich bei der „Anny“ ein „sehr schlechter Zustand“, betont Cornelius Bockermann. Und das ist nicht alles – die weiße Lady ist in der Tat in die Jahre gekommen: Die Takelage muss überholt werden, „der Vormast ist Schrott und unter dem Deck aus Teakholz rostet alles weg“, so die erste Bestandsaufnahme.
Inwieweit die „Anny“ tatsächlich wieder in ihren Originalzustand zurück versetzt wird, sei noch nicht klar, so der Kapitän. „Die Kosten für die Grundsanierung liegen nach ersten Schätzungen zwischen zwei und drei Millionen Euro“, sagt er.
Ob das Segelschiff weiterhin in Elsfleth bleiben wird, ist noch völlig offen. „Wir schreiben die Arbeiten aus und sehen, von welcher Werft das beste Angebot kommt. Danach entscheiden wir“, erklärt Cornelius Bockermann. Bisher sei man allerdings immer mit der Elsflether Werft „sehr zufrieden“ gewesen. „Auch jetzt liegt die Werft voller Schiffe“, merkt Cornelius Bockermann an. Er ist überzeugt, dass man dort die Insolvenz überstehen werde.
Während das Schicksal des Schulschiffes „Gorch Fock“ eng mit dem der Elsflether Werft verknüpft ist, bleibt die „Anny von Hamburg“ davon unberührt. „Wir nehmen jetzt auf dem Schiff alle Systeme wieder in Betrieb und machen es erstmal wieder benutzbar – aber seetüchtig ist sie dann noch lange nicht“, so Cornelius Bockermann.
Seit 2016 befördern Cornelius Bockermann und sein Team mit dem Frachtsegler „Avontuur“ Fracht per Windkraft. Es geht ihm darum, „die Verbindung zwischen nachhaltiger Produktion und verantwortungsvollem Konsum zu schaffen.“ Dazu will man auch die „Anny“ einsetzen.
Vor allem aber wollte man sie vor dem Verfall retten. Denn noch immer sei sie ein Schmuckstück. Da kommt auch ein Seemann wie Cornelius Bockermann direkt ins Schwärmen: „Allein der Innenausbau und der Salon sind einfach wunderbar.“ Vielleicht wird aus dem einstigen Frachtsegler doch noch ein Passagierschiff unter Segeln.
