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Deichschutz Sorge vor Biberratten wächst

Elsfleth/Ohmstede - An diesem Tag führt Henning Heinemann im Schöpfwerk Dalsper im Landkreis Wesermarsch eine Strichliste. Jeder dunkle Stummel in seinem Eimer ist ein Strich auf dem Papier. Über 100 Stummel und Striche werden es am Ende sein. Und das bereitet Heinemann Sorge. Große Sorge.

Henning Heinemann ist der Verbandsvorsteher der Ohmsteder Sielacht. Die Stummel sind Nutriaschwänze. Jeder Schwanz steht für ein getötetes Tier. „Im Herbst hatten wir beim letzten Termin sechs Nutrias, jetzt sind es so viele. Die vermehren sich explosionsartig.“ Und damit stellen die Nagetiere eine Gefahr für den Deichschutz dar.

Auch ganz putzig

Ja, sie sehen ganz putzig aus. Nicht wenige Betrachter würden Nutrias sogar irgendwie niedlich finden. Doch bei den Wasser- und Bodenverbänden in der Wesermarsch rufen die Tiere nur Sorgen hervor. Nutrias graben Gänge in Deiche und Uferböschungen. „Und das sind keine kleinen Gänge, das sind drei Meter tiefe Röhren, die höhlen alles aus“, erklärt Jäger Hartwig Vögel. Auch er hat Nutriaschwänze als Beleg für seinen Jagderfolg bei der Sielacht abgegeben. „Die Jungtiere sind schon nach drei bis vier Monaten geschlechtsreif, der Nachwuchs kommt dreimal im Jahr“, schildert Vögel, warum sich Nutrias oder Biberratten so immens schnell vermehren und ausbreiten können: „Und das sind große Löcher in den Deichen.“ Schließlich bringt ein Nutria rund zehn Kilo auf die Waage.

„Wir sehen die Schäden an den Gewässern, die Ufer können wegbrechen, beim Mähen können Pflegefahrzeuge einbrechen und umstürzen“, ergänzt Henning Heinemann: „Wir müssen hier extrem aufpassen. Sie werden immer mehr und ein großes Problem.“

Die Nutrias sehen auf den ersten Blick aus wie Biber und stammen aus Südamerika. Wegen ihres Pelzes wurden die Nagetiere einst nach Europa geholt. Wahrscheinlich sind es ausgebüxte Tiere aus solchen Pelzfarmen, die sich immer weiter verbreitet haben und nun hier ansässig geworden sind. „Eine heimische Tierart ist das aber nicht, sie ist invasiv“, sagt auch Heino Röver. Er ist amtlich bestellter Bisamjäger. Damit ist gleich der nächste Kandidat genannt, der den Uferböschungen schadet. Bisamratten graben ihre Gänge unterhalb der Wasserlinie, Nutrias oberhalb. Zu sehen sind die Gänge nicht so einfach.


„Die Bisampopulation haben wir dank der Fänger im Griff“, sagt Heinemann. Rund 120 000 Tiere seien niedersachsenweit im Jahr 2016 in die Fallen gegangen. Aber: Fallen werden in der Wesermarsch immer wieder und in großer Zahl gestohlen oder zerstört. Falsch verstandener Tierschutz? „Wahrscheinlich“, sagt Heinemann.

Die Diebstähle wurden übrigens bei der Polizei zur Anzeige gebracht. Anwohner im Umfeld von Gewässern werden gebeten, auffällige und unbekannte Fahrzeug zu melden. Röver: „So eine Falle bringt man nicht einfach so weg. Die werden schon ins Auto geladen.“

Schonzeit beendet

Nun kommen die Nutrias dazu – und deren Gänge fallen deutlich größer aus als die der Bisamratten. Auch auf Landesebene wurde die Gefahr für den Deich- und Gewässerschutz durch die Nagetiere erkannt: Niedersachsen will Biberratten effektiver bekämpfen. Das Landwirtschaftsministerium hat seit dem 25. April die Schonzeit für die Ratten aufgehoben. Nach der Sommerpause will das Ministerium auch den Schutz von Muttertieren aufheben. Neben der ganzjährigen Jagdzeit können dann auch Elterntiere geschossen werden, die ihre Jungen aufziehen.

Einen Austausch gibt es mit den Niederlanden, die eine Invasion der Nager aus Deutschland beklagen. Jäger Hans-Hermann Mohrmann (Obmann für Naturschutz in der Jägerschaft der Stadt Oldenburg) berichtet, dass es im Nachbarland staatlich angestellte Nutria-Bekämpfer gibt, um die Deiche zu schützen. Mohrmann warnt auch Hundebesitzer, die ihre Tiere ohne Leine laufen oder in den Gewässern schwimmen lassen: „Ein Hund hat gegen ein Nutria keine Chance.“

Anja Biewald
Anja Biewald Redaktion Oldenburg
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