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Experten Diskutieren In Emden Wie Tourismus-Betriebe die Krise bewältigen können

Hans Begerow

Emden/Oldenburg - Die gute Nachricht für die Tourismuswirtschaft im Nordwesten: Es wird wieder gebucht, die Nachfrage nach Urlaubszielen auf der Ostfriesischen Halbinsel und im Nordwesten steigt seit wenigen Tagen an. Die schlechte Nachricht: Die Betriebe verzeichnen erhebliche Einnahmeausfälle und werden teilweise in Schwierigkeiten kommen, das Jahr 2020 zu meistern, so die Expertenmeinung zu den Aussichten für den Tourismus.

Das betonten Imke Wemken, Geschäftsführerin der Ostfriesland Tourismus GmbH, Prof. Dr. Torsten Kirstges, Direktor des Instituts für Innovative Tourismus- und Freizeitwirtschaft (Jade Hochschule), Dr. Bernhard Brons (Vorstand der AG Ems), und die SPD-Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller (Varel) beim Tourismusgipfel der Initiative „Gemeinsam im Nordwesten“ von Emder Zeitung und Nordwest-Zeitung.

Vier Experten diskutieren auf der „MS Groningerland“

Unter der Leitung von NWZ-Chefredakteur Ulrich Schönborn diskutierten die vier Experten – unter Wahrung der Hygienebestimmungen – auf der MS „Groningerland“ der AG Ems im Emder Binnenhafen, die wie 14 andere der insgesamt 17 Schiffe der Reederei in unfreiwilliger Liegezeit sind. Imke Wemken bezifferte die Erlösausfälle der Tourismusbetriebe bedingt durch die Corona-Pandemie schon jetzt auf zwölf bis 17 Prozent.

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Durch die Reisebeschränkungen werde es zu einem Tourismus-Boom in Deutschland kommen, sagte Torsten Kirstges voraus. Denn wegen Unsicherheit und Ängsten bei Fernreisen würden viele der traditionellen Auslandsurlauber in Deutschland bleiben. Zugleich bezweifelte er, dass die Quartiere ausreichen, „da wird die Kapazität knapp werden“, so Kirstges.

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Bernhard Brons sieht neben den enormen wirtschaftlichen Belastungen auch eine Chance in den Reisebeschränkungen. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, Gäste zu begeistern“, riet er den Tourismusbetrieben im Nordwesten. Siemtje Möller sieht im Trend zum Deutschland-Tourismus eine weitere Stärke: „Deutschland ist bei den Gästen als sicheres Reiseland beliebt.“


Kredite reichen den Tourismusbetrieben nicht

Die Tourismusbranche sei einer der größten Arbeitgeber in Deutschland, aber im Vergleich zu den Großindustrien sei ihre Lobby klein, bedauert Torsten Kirstges. Die Möglichkeiten, die Tourismusbetriebe in der Corona-Pandemie mit Soforthilfen oder Krediten zu retten, sieht er als beschränkt an. „Das reicht nicht.“ Wichtig für den Ökonomen Kirstges: „Die Betriebe müssen wieder wirtschaften.“ Staatsgeld allein helfe nicht.

Ähnlich sieht es Brons, Vorstand der AG Ems und IHK-Präsident für Ostfriesland und Papenburg. Nicht alles sei mit Geld vom Staat zu regeln, aber unbürokratisch könne der Staat den Betrieben helfen. Die Ferienregelung sei so ein Thema: „Wir wollen wieder die 90-Tage-Ferienregelung. Das kostet nichts,“ sprach er sich für eine Ausdehnung des Sommerferien-Korridors der Bundesländer aus. Das Thema Bürokratie nahm die Bundestagsabgeordnete Möller auf. So könnten Kommunen Restaurants und Cafés unbürokratisch ermöglichen, öffentlichen Raum für Tische und Stühle zu nutzen, um die Abstände in der Außengastronomie einzuhalten. Andere, zurzeit stillgelegte Geschäftsbereiche könnten mit öffentlicher Förderung „aufpoliert“ werden, sagte die Varelerin. Die Krise in der Tourismusbranche habe im Übrigen Auswirkungen auf alle Wirtschaftszweige, betonte die Politikerin. Neun Millionen Euro Soforthilfe seien allein in den Kreis Friesland gelangt. „Die sind auch dem Tourismus zugute gekommen.“ Der Ökonom Kirstges widersprach: „Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, entgegnete er Möller. Wichtig sei, dass die Betriebe wieder wirtschaften könnten. Für Ferienhäuser und Wohnmobile müsse es ja keine Beschränkungen geben.

Touristikerin Imke Wemken sieht den Tourismus in Deutschland auf dem Vormarsch. „Deutschland boomt, und die Ostfriesische Halbinsel ist sehr gefragt“, sagte die gebürtige Ammerländerin. Bei den gegenwärtigen Beschränkungen stünden Reisemobil und Campingplatz bei Urlaubern obenan. Und wenn es nicht möglich sei, Fernreisen zu unternehmen, „die Kunsthalle Emden holt uns die Welt in die Region“, sagte sie in Anspielung auf die gegenwärtige Ausstellung („Sightseeing – die Welt als Attraktion“).

Green Deal der EU für nachhaltigen Tourismus

Ob nachhaltiger Tourismus im Sinne des von der EU propagierten „Green Deal“ (grüne Vereinbarung) eine Lösung sei, der Norden propagiere ja den nachhaltigen Tourismus, fragte Moderator Schönborn. Man solle keine Wunder erwarten, ist der Ökonom Kirstges skeptisch, „obwohl es sinnvoll ist“. Positiver sehen das die anderen Diskutanten: „Natürlich, wir sind ja Optimisten“, sagte Imke Wemken.

IHK-Präsident Brons riet dazu, auf die Willkommenskultur Wert zu legen: Jetzt müsse der Satz zu den Gästen lauten: „Schön, dass Ihr hier seid.“ Da stimmte Imke Wemken zu. Mit den Hygieneregeln müsse man sehr sorgfältig umgehen, aber auch die Wohlfühlatmosphäre dürfe man nicht aus den Augen lassen. Siemtje Möller pflichtete bei: „Wir haben hier sehr erfahrene Hoteliers, die mit den neuen Sicherheitsstandards umgehen können.“

Nordsee lockt Urlauber aus

Tourismus-Experte Kirstges erinnerte daran, dass viele Gäste aus dem Ausland im Nordwesten Urlaub machen – immerhin zehn Prozent der Urlauber stammten aus den Niederlanden, Belgien, Dänemark, selbst aus China stammten Nordsee-Urlauber. „Das klappt nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die Quarantäne muss wegfallen.“

Und der Ausblick auf 2021? Fernreisen werden wohl nur eingeschränkt möglich sein. Aber die Dramatik wird sich im Laufe des Jahres 2021 relativieren. Ferienwohnungen und Camping in Norddeutschland und Bayern sind die Gewinner, Fernreisen und Luftverkehr die Verlierer. Die Situation wird aber nicht auf Dauer so bleiben. Ab 2022 werde sich das ändern, betonte Kirstges.

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