NWZ-Bericht „Leute verdienen Schweinegeld“ am 12. August.

Schluss mit Ausbeutung in der Fleischindustrie! Da kämpft der im Münsterland bestens bekannte katholische Pfarrer Peter Kossen jahrzehntelang gegen den Mechanismus der Abzocke und Ausbeutung in der Fleischindustrie an. Bis dann – man mag es kaum glauben – erst die Corona-Pandemie mit ihren Ausbrüchen ein Schlaglicht auf die erbärmlichen Arbeits- und Lebensbedingungen von Werkvertragsarbeitern wirft. Das Bundeskabinett hat nun endlich reagiert: Ab 01.01.2021 dürfen im Kerngeschäft Schlachtung, Zerlegung und Fleischverarbeitung keine Werkvertragsarbeiter und ab 01.04.2021 auch keine Leiharbeiter mehr beschäftigt werden.

Ausgenommen sind Fleischerhandwerksbetriebe mit maximal 49 Mitarbeitern. Noch ehe der Gesetzesentwurf im Bundestag beraten wurde, gründete der Fleischfabrikant Tönnies 15 (!) Gesellschaften auf einen Schlag, um sein Geschäftsmodell der Ausbeutung vorwiegend osteuropäischer Wanderarbeiter aufrechtzuerhalten. In die gleiche Richtung zielt wohl die Initiative des Subunternehmers Ideus aus Sande, der im Garreler Schlachthof BMR arbeiten lässt.

Er hebt die hervorragenden Verdienstmöglichkeiten von monatlich bis zu 3000 Euro (gemeint wohl brutto) bei einem durchschnittlichen Stundensatz von 12,50 Euro in seinem Betrieb hervor. Bei einer Fünf-Tage-Woche und einem Acht-Stunden-Tag beträgt der reguläre Monatsverdienst 2175 Euro brutto bei 174 Arbeitsstunden im Monat.

Kein Wunder, dass Mehr- und Überstunden, natürlich ohne Zuschläge, üblich sind. Um 3000 Euro zu verdienen, müssten also 66 Stunden mehr im Monat gearbeitet werden. Gleichzeitig beklagt der Sander, dass „viele den Knochenjob am Schlachtband nicht mehr machen wollen“. Warum wohl nicht? In Dänemark verdient der Fleischzerleger bei einer 40-Stunden-Woche im ersten Jahr 2500 Euro im dritten 3000 Euro.

Um die Missstände in der deutschen Fleischindustrie zudem zu beseitigen, enthält der Gesetzesentwurf der Bundesregierung zusätzlich eine elektronische Zeiterfassung sowie Mindestanforderungen für Gemeinschaftsunterkünfte und eine Mindestquote für Arbeitsschutzkontrollen. Kein Wunder, dass die Verdiener am System der Ausbeutung in der Fleischindustrie – wie Ideus und Tönnies – auf die Barrikaden gehen.


Helmut Biemer Oldenburg