Aurich - Wohl kein anderes Unternehmen ist in Deutschland so sehr mit dem Aufstieg der Windbranche verbunden wie Enercon. Zeitweise kam mehr als jedes zweite Windrad hierzulande von dem Auricher Hersteller. Enercon gehörte zu den Top-5 am Weltmarkt. Doch ab 2018 sollte nicht nur der deutsche Markt einbrechen, auch Enercon stürzte in eine schwere Krise. Einen Rekordverlust von fast einer Milliarde Euro musste man 2019 hinnehmen. Ende 2019 kündigte Enercon den Abbau von 3000 Stellen an. Auch die weitere Finanzierung stand zeitweise auf der Kippe. Enercon leitete einen umfassenden Umbau, intern „Turnaround“ genannt, ein. Eine Bestandsaufnahme mit dem neuen Chef Momme Janssen:
Probleme
Neben dem Einbruch des für Enercon besonders wichtigen deutschen Markts haben auch hausgemachte Probleme zur Krise bei Enercon beigetragen: eine zu starke Fokussierung auf den deutschen Markt, technologische Schwierigkeiten, (zu) komplizierte Strukturen, eine (zu) hohe Eigenfertigungstiefe im Hochlohnland Deutschland. Janssen lässt durchblicken, dass das Unternehmen sich auch zu lange auf vergangenen Erfolgen ausgeruht hat. „Wir haben unsere Lektion gelernt“, beteuert er.
Momme Janssen steht seit Dezember 2020 als Nachfolger von Hans-Dieter Kettwig an der Spitze von Enercon. Der 47 Jahre alte Jurist, der in Wilhelmshaven aufgewachsen ist, war 2016 aus einer Managementposition bei Airbus zu dem Auricher Windenergieanlagenbauer gewechselt, zunächst als Personalleiter, zuletzt als Mitglied der fünfköpfigen Geschäftsleitung.
Umstrukturierungen
Umso umfassender fiel der Konzernumbau aus. Neben Kosteneinsparungen heißt das vor allem mehr Internationalisierung und Strukturanpassungen. Verabschiedet hat sich Enercon etwa von der hohen Eigenfertigungstiefe. „Rotorblätter kann man nicht mehr wettbewerbsfähig in Deutschland produzieren“, sagt Janssen. „Das lässt sich nicht automatisieren, das ist sehr handarbeitslastig, da ist der Preisdruck extrem.“ Deshalb setzt Enercon hier künftig verstärkt auf Zulieferer aus dem Ausland. Ähnliches gelte für den Turmbau. Bei der Endfertigung der Gondeln und bei der neuen E-Gondel baue man dagegen weiter auf die Produktion in Aurich, bei Generatoren auf Magdeburg. „In den Bereichen, in den viel automatisiert werden kann und in denen viel Facharbeiter-Know-how gefragt ist, können wir weiter wettbewerbsfähig in Deutschland produzieren.“
In der internen Struktur setzt man bei Enercon, wo lange Zeit sehr zentralistisch von Aurich aus agiert wurde, auf mehr Regionalisierung. „Das wird eine höhere Kundennähe erzeugen und dazu führen, dass auch Entscheidungen und Verantwortlichkeiten dort verortet werden, wo sie am besten beurteilt werden können“, ist Janssen überzeugt.
Stellenabbau
Im November 2019 hatte Enercon den Abbau von bis zu 3000 Stellen angekündigt, davon jeweils etwa die Hälfte in Aurich und Magdeburg. „Dieser Prozess ist abgeschlossen“, sagt Janssen. Mit einer weiteren Entlassungswelle sei nicht zu rechnen. Allerdings werde man in der Verwaltung die Strukturen an die Ausrichtung und das geringere Volumen anpassen. „Ich denke, das geht allein über Fluktuation und Rentenzugänge, also ohne Kündigungen“, sagt er.
Internationalisierung
„Wir konzentrieren uns zunächst auf die Märkte, in denen wir stark sind“, sagt Janssen. In Asien zählt er dazu vor allem Vietnam, aber auch Japan und Korea. Auch der südamerikanische Markt, insbesondere Kolumbien, bleibe interessant. In Nordamerika sieht Enercon neben Kanada nach dem Politikwechsel auch Chancen in den USA. Und auch in Kerneuropa zögen klassische Märkte, wie Frankreich und Großbritannien, sowie „langsam und auf niedrigem Niveau“ auch Deutschland wieder an. „Den deutschen Markt geben wir natürlich nicht auf. Das ist schließlich der Markt, der Enercon groß gemacht hat“, sagt er. Dagegen hält Janssen China, den weltgrößten Windenergiemarkt, aus Enercon-Sicht für „ausgesprochen schwierig“.
Geschäftslage
2021 werde ein entscheidendes Jahr, sagt Janssen. Nach dem schwierigen Jahr 2019 hätten die eingeleiteten Veränderungen schon erste Wirkung gezeigt. „Die Richtung stimmt“, meint der Enercon-Chef. „Wir sind jetzt soweit, dass wir sagen können, dass die nächsten drei Jahre auch wieder deutlich besser werden.“ Schon 2020 habe es eine „deutliche Verbesserung“ gegeben, sagt Janssen, ohne konkrete Zahlen nennen zu wollen. „Für das nächste Jahr planen wir wieder mit schwarzen Zahlen. Eventuell könnte auch schon in 2021 wieder eine leicht schwarze Zahl rein aus unserer operativen Leistung heraus stehen.“
Corona-Pandemie
Enttäuscht hat sich Enercon-Chef Momme Janssen von dem Vorgehen der Politik in der Corona-Krise und auch in der Energiepolitik gezeigt. „Wir versuchen im Corona-Kontext das Beste für die Beschäftigten und für das Unternehmen zu erreichen, und das ist auch das, was wir von der Politik erwarten“, sagte er. Leider gebe aber eine große Diskrepanz zwischen dem, was geredet werde und was das Ergebnis davon sei – sowohl was das Impfen als auch was das Testen angehe. „Ich will deutlich sagen: Da erwarten wir viel mehr.“ Bei Enercon wünsche man sich, dass „die Politik sich bemüht, in den etablierten funktionierenden Strukturen, also vor allem auch über Haus- und Betriebsärzte, vorausschauend und belastbar den Ausgang aus dieser Krise zu planen“.
Auch Enercon selbst spüre die Auswirkungen der Pandemie, etwa im Hinblick auf Material- oder Reiseengpässe, habe die Krise bislang aber recht gut bewältigt. „Wir haben diese Krise bislang ohne Kurzarbeit, ohne Entlassungen und ohne irgendwelche Staats- oder Hilfsgelder, sondern allein aus eigener Kraft meistern können“, betonte Janssen.
Energiepolitik
Ebenfalls nicht zufrieden zeigte er sich mit der Energiepolitik der Regierung. Das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 2021 bezeichnete Janssen als „durchwachsen“ und „pflichtschuldig“. Zwar gebe es darin einige positive Aspekte, etwa dass man Windprojekte im Bundesgebiet nun besser verteilen könne. „Aber mit Blick auf die Ambitionen, die man in Deutschland hat, ist das viel zu wenig“, sagte er. „Wenn wir bei der Ausbaumenge der jüngeren Vergangenheit bleiben, dann werden wir die Energiewende nicht schaffen; ja, dann werden wir effektiv in Deutschland sogar rückbauen“, warnte er. „Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und planbare Ausbaumengen. Daran hapert es aber weiterhin.“
