Neckarsulm/Nordenham/Norden - Geht es nur um ein Taschengeld oder handelt es sich um die „wahrscheinlich größte Massenentlassung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, wie die Dienstleistungsgewerkschaft „Verdi“ sagt? Die Ankündigung des zur Kaufland-Gruppe (Neckarsulm) gehörenden TIP Werbeverlags, bundesweit seine Austräger zu entlassen, hat für viel Wirbel gesorgt.

Ende vergangener Woche hatte der Verlag – wie berichtet – bekanntgegeben, sich von rund 55 000 Zustellern der Kundenzeitung „TIP der Woche“ trennen zu wollen. Zumeist tragen Schüler, Studenten, Hausfrauen oder Rentner den Prospekt auf Minijob-Basis aus. Deren Tätigkeit soll ab November an „verschiedene externe Dienstleister“ ausgelagert werden, wie der Verlag mitteilte.

„Diese Entscheidung ist uns sehr schwer gefallen, war jetzt aber leider notwendig“, sagte TIP-Geschäftsführer Andreas Riekötter am Verlagssitz in Heilbronn. Nach seinen Angaben würden rund 40 Prozent der Auflage ohnehin schon durch externe Dienstleister zugestellt. Als Grund für die vollständige Umstellung nannte Kaufland die „immer höhere Komplexität der Verteilorganisation“. Branchenspekulationen, wonach die Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro die Entscheidung beeinflusst haben könnte, wiesen Kaufland und TIP indes entschieden zurück.

Wöchentlich werden nach TIP-Angaben bundesweit 20 Millionen Werbeprospekte verteilt. Kaufland hat hierzulande 635 Filialen, im Nordwesten unter anderem in Delmenhorst, Norden, Nordenham und Wilhelmshaven.

„Verdi“ zeigte sich empört über die Ankündigung. „Mit sozialer Marktwirtschaft hat das nichts zu tun, das ist Kapitalismus pur“ wetterte Leni Breymaier, „Verdi“-Landesbezirksleiterin in Baden-Württemberg. „Es ist unglaublich. 55 000 Menschen werden ohne jede Vorwarnung, Flankierung oder sozialen Ausgleich auf die Straße gesetzt. Nicht weil der Konzern wirtschaftlich in irgendeiner Form gefährdet wäre, sondern um Profite weiter zu erhöhen.“


Besonders bitter für die betroffenen TIP-Beschäftigten sei, dass es für sie weder einen Interessenausgleich noch einen Sozialplan gebe, da der Werbeverlag keinen Betriebsrat habe, hieß es bei „Verdi“ im Bezirk Weser-Ems. Informationen, ob und wenn ja, wie viele Zusteller im Nordwesten betroffen seien, gebe es nicht. Auch Kaufland und der TIP Werbeverlag machten keine Angaben zu einzelnen Standorten.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft