Istanbul/Hannover/Oldenburg - Die türkische Lira und der Aktienmarkt in der Türkei haben positiv auf den Sieg von Präsident Recep Tayyip Erdogan im Verfassungsreferendum reagiert. Die Währung legte am Montag in den ersten Handelsminuten um gut 2,5 Prozent zum Dollar zu, im weiteren Handelsverlauf bröckelten die Gewinne wieder ab. Zuletzt stand der Kurs bei 3,6732 Lira je US-Dollar, ein Plus von gut einem Prozent.

Am Aktienmarkt legte der BIST-100-Index der 100 größten Werte der Istanbuler Börse zunächst um knapp 0,6 Prozent zu. Nun sei zunächst eine Quelle für politische Unsicherheit verschwunden, meinten Beobachter. Der Index hatte sich seit Anfang April erholt, die Tage vor dem Referendum aber dann eher wieder nachgegeben.

Das Ja-Votum werde am Markt auf kurze Sicht wahrscheinlich begrüßt. Aber er rechne nicht mit einem großen Anstieg bei den Aktien, sagte Ozgur Altug, Chefvolkswirt bei BGC Partners in Istanbul, der Agentur Bloomberg.

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), geht davon aus, dass die Wirtschaftskrise in der Türkei auch nach dem Verfassungsreferendum anhalten wird. „Die wirtschaftlichen Probleme der Türkei werden nicht über Nacht verschwinden“, sagte er dem „Spiegel“. Vielmehr sei zu befürchten, dass Erdogan unter dem Druck, rasche Erfolge vorzuweisen, Entscheidungen treffe, die kurzfristig etwas bewirkten, langfristig jedoch eher schadeten. Hüther hält einen Machtzuwachs für Erdogan aus wirtschaftlicher Sicht für das geringere Problem: „Faktoren wie die Inflation, die seit Jahren zwischen 7,5 und 8,5 Prozent liegt, die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit von 10 Prozent, die negative Handelsbilanz und der Rückgang der Investitionen sind viel alarmierender.“

Auch im Nordwesten verfolgt man die Entwicklung am Bosporus aufmerksam. Für Niedersachsen war die Türkei 2016 Exportland Nummer 13 – vor Ländern wie Japan oder Russland. Trotz der politischen Spannungen erreichten die niedersächsischen Exporte in die Türkei mit einem Warenwert von 2,15 Milliarden Euro 2016 eine Rekordmarke. 2015 waren es noch 1,9 Milliarden Euro. Vor allem Kraftfahrzeuge und deren Teile, aber auch Maschinen und Anlagenteile waren gefragt.


Trotz des Exportrekords stellen sich Niedersachsens Unternehmen künftig auf Schwierigkeiten ein. „Es ist nicht so, dass die Wirtschaft in der Türkei total eingebrochen ist, aber ich rechne damit, dass wir im nächsten Jahr einen deutlichen Rückgang haben werden“, sagte unlängst Tilman Brunner für die niedersächsischen Industrie- und Handelskammern.

„Die Unternehmen agieren abwartend und beobachten, wie sich die Lage entwickelt“, hatte Felix Jahn, bei der Oldenburgischen IHK Geschäftsführer für den Bereich Internationales, bereits vor einigen Monaten gesagt. Laut IHK pflegten im vergangenen Jahr 83 Unternehmen aus dem Oldenburger Land Im- und Exportbeziehungen zur Türkei. Besonders stark auf den türkischen Markt gesetzt hatte in den vergangenen Jahren die EWE. Der Oldenburger Energiekonzern versorgt dort nach eigenen Angaben allein rund 923 000 Erdgaskunden.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft