Oldenburg - Die Herausforderungen durch die Flüchtlinge „sind deutlich größer als wir uns das vorgestellt haben“, sagte Oberbürgermeister Jürgen Krogmann beim Wirtschaftsforum Bremen/Nordwest (WBN) im Etzhorner Krug. Wo es Probleme gebe, müssten sie offen angesprochen und nicht beschönigt werden, forderte Krogmann.

Zunächst habe eine „fast euphorische Stimmung geherrscht“. Auch die Finanz- und Personallage habe in einem besseren Verhältnis zur Zahl der Flüchtlinge gestanden. „Das war eine idealistische Phase, man war frohen Mutes mit Blick auf den Arbeitsmarkt.“ Inzwischen herrsche „Ernüchterung“, selbst viele Helfer sagten: „Wir schaffen das nicht ganz. In keinem Fall so schnell.“

Das habe auch mit der starken Zunahme zu tun und mit dem Bildungsniveau. Krogmann: „50 Prozent haben keine Berufsausbildung in unserem Sinne, und es gibt einen nicht unerheblichen Teil von Analphabeten.“ Es gebe einige Menschen, die es schnell schafften – „aber viele werden Unterstützung brauchen, und zwar deutlich mehr, als wir zurzeit denken“. Damit wachse bei den Betroffenen „auch die Frustration“.

Arbeitsagentur-Chef Dr. Thorsten Müller sieht den Ausbildungsgrad noch tiefer: „70 Prozent sind ohne formale berufliche Qualifikation.“

Eine Schwierigkeit liege auch darin, „dass die Zahl der Sozialpädagogen und Sprachlehrer nicht mitwächst“, sagte Krogmann. Derzeit zeige sich, dass es „schwierig ist, ausreichende Sprachkenntnisse zu vermitteln oder ganz einfach für Beschäftigung zu sorgen“.


In jedem Fall müsse man bei den Flüchtlingen, die jetzt hier seien, dafür sorgen, „dass kein Lagerkoller und keine Agonie“ entstehen“. Sie müssten von Anfang aktiv werden können.

Das erfordere neue Sichtweisen. Krogmann: „Weil wir einen hohen Prozentsatz haben, den wir nicht in den Ersten Arbeitsmarkt bringen werden, müssen wir uns den Zweiten Arbeitsmarkt anschauen und Möglichkeiten der Beschäftigung suchen“, so der Oberbürgermeister. Der Bereich umfasst nicht-erwerbliche und lohn-reduzierte Arbeit – „wie Ein-Euro-Jobs“, so Arbeitsagentur-Chef Dr. Thorsten Müller, der grundsätzlich eine Arbeitsmöglichkeit ab dem 4. Aufenthaltsmonat sieht. Gemeinsam mit Werner zu Jeddeloh vom Verein „Pro Connect“, der Flüchtlinge und lokale Arbeitgeber zusammenbringt, forderte Müller, neben Qualifizierungsmaßnahmen auch auf die „informellen Kompetenzen“ der Flüchtlinge zu schauen. Müller rief die Betriebe dazu auf, „Vorbild zu sein und auch Flüchtlinge einzustellen“. Der Agentur-Chef geht bei derzeitigem Stand davon aus, „dass 10 Prozent im 1. Jahr in Arbeit oder Ausbildung kommen, bei 50 Prozent dauert es fünf Jahre und bis 75 Prozent der Flüchtlinge untergekommen sind, dauert es 15 Jahre“.

Karsten Röhr
Karsten Röhr Redaktion Oldenburg