Mannheim - Trotz eines hohen Anteils muslimischer Bevölkerung war Deutschland beim „islamic banking“ bislang ein weißer Fleck im Finanzsektor. Muslimische Menschen zwischen Flensburg und Konstanz haben künftig eine religionskonforme Alternative zum westlichen Banking: Die Kuveyt Türk (KT) Bank AG hat fünf Jahre nach der Eröffnung eines Finanzdienstleistungsinstituts in Mannheim Mitte März die Vollbanklizenz für Firmen- und Privatkundengeschäft erhalten.
Damit gibt es den Angaben zufolge erstmals in Deutschland und in der Eurozone eine islamische Bank. Die Schwerpunkte des „islamic banking“ liegen in Europa in London, global in Malaysia und Bahrain.
Die Zielgruppe des neuen Bankhauses mit Sitz in Frankfurt, das von Juli an auch Filialen in Mannheim und Berlin betreibt, sind nicht nur die rund vier Millionen Muslime in Deutschland. „Auch für Christen und Juden und für alle, die unsere Maßstäbe teilen, ist unser Angebot interessant“, erklärt der Generalbevollmächtigte der Bank mit 70 Mitarbeitern, Ugurlu Soylu. Mutterbank ist die KT Katilim Bankasi mit Sitz in Istanbul. Deren Chef Ufuk Uyan spricht von einem überragenden internationalen Wachstum des „islamic banking“ und einem großen Marktpotenzial in Deutschland.
Was ist nun der Ethos einer islamischen Bank? Tabu sind Geschäftsfelder wie Rüstung, Alkohol, Glücksspiel, Tabakwaren oder Prostitution, in die nicht investiert werden darf. Über die Einhaltung dieser Selbstverpflichtung wacht bei der KT Bank ein Ethikrat, dem Menschen mit islamwissenschaftlicher und wirtschaftlicher Qualifikation angehören.
Ein weiteres Kennzeichen des Scharia-konformen Bankings ist der Verzicht auf Zinsen und spekulative Geschäfte etwa mit wettähnlichen Derivaten. Hintergrund ist der Vers 275 in der zweiten Sure des Korans, wonach Allah zwar den Handel erlaubt, aber das Zinsnehmen als des Teufels untersagt.
Doch wie kommt der Sparer zu einer Rendite und die Bank zu Überschüssen, wenn Zinsen keine Rolle spielen? Soylu betont: „Wir haben ein unverkrampftes Verhältnis zum Profit.“ Allerdings wirtschafte eine islamische Bank nicht mit virtuellen Anlagemöglichkeiten: „Jede unserer Transaktionen basiert auf dem Kauf eines realen Gutes, etwa eines Autos oder eines Hauses.“ Die Bank agiert als Käufer und verkauft das Gut mit einem Gewinnaufschlag an einen Kunden. Die Abzahlung erfolgt in Raten.
Soylu erläutert: „Für unsere Kunden macht das unterm Strich keinen Unterschied zum Abzahlen einer Zinsforderung.“ Auch aus Sicht von Matthias Casper vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster haben solche mehrstufigen Kaufverträge den Charakter eines westlichen Darlehensgeschäfts.
Bank-Experte Hans-Peter Burghof sieht das „islamic banking“ vor allem im Kon-trast zu börsennotierten US-Banken: „Der Gemeinschaftsgedanke steht dabei im Vordergrund.“ Und er fügt hinzu: „Das macht das Bankensystem vielfältiger und reicher.“
