Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Medizin Europarekord-Halter ohne Puls

Christina Sticht

Hannover - Wer den Puls von Uwe Schulze fühlen will, sucht vergeblich. Der 55-Jährige lebt mit einem Kunstherz. Das Gerät vom Typ „Heartmate II“ ist kein Organersatz, sondern hilft seinem stark geschwächten eigenen Herzen, Blut in den Körper zu pumpen und so die Organe mit Sauerstoff zu versorgen. Bereits vor zehn Jahren wurde dem Kaufmann aus Sachsen-Anhalt nach zwei Herzinfarkten die mechanische Pumpe implantiert. „Heute sehe ich sie nicht mehr als Gerät an“, betont der Geschäftsführer eines kommunalen Unternehmens. „Es ist mein zweites Herz, es gehört zu mir.“

Ärzte überrascht

Als Martin Strüber Uwe Schulze im November 2005 an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) das Kunstherz einsetzte, hätte sich der Herzchirurg nicht träumen lassen, dass es so lange hält. „Der Mensch lebt quasi ohne Puls. Wir wussten nicht, ob das über Jahre geht“, sagt Strüber, der heute in Michigan/USA transplantiert und forscht. Uwe Schulze gilt als Europarekord-Halter. Ursprünglich wurden die Unterstützungssysteme nur eingesetzt, um bei Menschen mit Herzinsuffizienz die Zeit bis zu einer Transplantation zu überbrücken. Wegen des Mangels an Spenderorganen werden jedoch mittlerweile bundesweit jährlich rund 1200 Kunstherzen verschiedener Hersteller implantiert. Dagegen wurden 2014 der Deutschen Stiftung Organspende zufolge nur 304 Spenderherzen transplantiert, weit mehr lebensbedrohlich erkrankte Patienten stehen auf der Warteliste.

Uwe Schulze ist ein positiv eingestellter Mensch, der vor Energie sprüht. Das „Heartmate II“ arbeitet in seiner linken Herzkammer und wird mit Strom betrieben. Ein Elektrokabel führt aus seinem Körper heraus und ist mit der Steuerungselektronik verbunden, die der 55-Jährige am Gürtel trägt. Der Rucksack mit Ersatz-Akkus ist für ihn ebenfalls überlebenswichtig.

„Es gibt Einschränkungen, ich würde gerne mal wieder hundert Meter schwimmen“, sagt Uwe Schulze. Jedoch darf das Stromkabel nicht mit Wasser in Kontakt kommen. Ansonsten lässt sich der Mann aus der Nähe von Magdeburg nur von wenig abhalten. Er arbeitet mindestens 50 Stunden in der Woche, fährt regelmäßig in den Urlaub und unternimmt kleine Wanderungen. „Es ist noch lange kein Grund, sich vom Strom zu nehmen“, sagt er scherzhaft.

Warten auf Spenderherz

„Die Patienten haben eine sehr hohe Lebensqualität“, sagt Johannes Gehron von der Deutschen Gesellschaft für Kardiotechnik. Allerdings müssen Kunstherzträger dauerhaft Blutverdünner nehmen. „Es besteht die Gefahr von Gerinseln und Schlaganfällen. Außerdem kann das Kabel in den Körper eine Eintrittspforte für Keime sein“, sagt der Kardiotechniker.


Auch Uwe Schulze macht zur Zeit eine Entzündung zu schaffen, dort, wo das Kabel in den Körper führt. Seit zehn Jahren steht er auf der Warteliste für ein Spenderherz. So lange es ihm noch so gut gehe wie im Moment, wolle er schwerstkranken Patienten den Vortritt bei den Herztransplantationen lassen, sagt der Mann, der so lange ein Kunstherz trägt wie vermutlich kein anderer in Europa.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Interview
Gilt als Kämpferin für Behindertenrechte: die Europa-Abgeordnete Katrin Langensiepen (Grüne) vor dem Werbeplakat „Ein Fest für Europa“ am Kröpke in Hannover

EUROPA-ABGEORDNETE KATRIN LANGENSIEPEN (GRÜNE) Sie kämpft in der EU für die Rechte der Menschen mit Behinderung

Stefan Idel Büro Hannover
Die Mitglieder vom BSV Kickers Emden stimmen am Donnerstagabend für die Ausgliederung der ersten Herren in eine GmbH.

BALLSPORT IN OSTFRIESLAND Mitglieder geben Grünes Licht für die Kickers-Emden-GmbH

Lars Möller
Emden
Stellten die Ausweitung des Konzeptes „Wilhelmshaven sicher“ auf den Busverkehr der Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft vor: (v.li.) Frank Rademacher (Geschäftsführer Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft Wilhelmshaven), Polizeidirektor Heiko von Deetzen, Projektleiter und Polizeihauptkomissar Tim Bachem und Oberbürgermeister Carsten Feist.

POLIZEIPRÄSENZ IM BUSVERKEHR Hausrecht der Polizei stärkt ab sofort Sicherheit in Bussen

Lutz Rector
Wilhelmshaven
Kommentar
Klimaaktivisten der Gruppe „Fridays for Future“ in Saarbrücken werfen Bundeskanzler Scholz vor, bei seinem Besuch in der vom Hochwasser betroffenen Region und in seiner Ansprache „die Klimakrise fahrlässig ausgeblendet“ zu haben.

UMWELTPOLITIK Durch mehr Klimaschutz gibt’s nichts zu verlieren

Jana Wolf Büro Berlin
Lara und Philipp Schumacher wollen gemeinsam mit ihren drei Kindern ein neues Leben auf Mallorca beginnen. Dafür bereiten sie seit Jahren alles vor – und der letzte, mehrmonatige Aufenthalt vor der Auswanderung begann mit einem herben Rückschlag.

BETROGEN UND ENTTÄUSCHT Emder Familie kämpft nach Betrug auf Mallorca um ihren Traum

Aike Sebastian Ruhr
Emden