EVERSTEN - Abschied ist das falsche Wort, Aufgabe trifft es besser: Nach 29 Jahren übergibt Katharina Sauer ihr Zeitschriften- und Tabakwarengeschäft an der Hauptstraße in Eversten schweren Herzens an jüngere Leute.
Ein Bandscheibenvorfall Anfang Januar und eine schwere anschließende Operation haben die 61-Jährige zermürbt. Die Prognose des Arztes lässt ihr keine Wahl. „Wenn Sie so weitermachen, sitzen Sie bald im Rollstuhl, hat er gesagt“, berichtet die 61-Jährige. Nach der Operation hatte sie so schnell wie möglich wieder arbeiten wollen. Doch die Schmerzen kamen wieder. Sauer: „Das schwere Heben und stundenlange Stehen hinter dem Tresen sind Gift für meinen Rücken.“ Am Sonnabend ist deshalb Schluss mit der Arbeit, dann verabschiedet sie sich von ihren Kunden und Geschäftspartnern mit einem kleinen Sektempfang.
Für die Hauptstraße war sie jahrzehntelang so etwas wie die gute Seele, hatte ein Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Kunden. Aus manchen wurden sogar Freunde. Ihr Tabak- und Zeitschriftenladen war viel mehr als ein Geschäft, es war d e r Treffpunkt. Ihre Liebe gilt auch den Tieren: Vor der Tür steht ein mit Wasser gefüllter Napf für Hunde, im Laden werden gebrauchte Bücher gegen eine Spende fürs Tierheim abgegeben, ihren langjährigen Begleiter Hund „Thämmy“ vermisst sie schmerzlich.
Geboren wurde Katharina Sauer in Rheine, aufgewachsen ist sie in Rheine, später zog sie nach Oldenburg. Der kleine Laden an der Hauptstraße wurde zu ihrem Lebensinhalt, Urlaub kannte sie nicht. „Um 6.30 Uhr räumte ich die Zeitungen und Zeitschriften in die Ständer, um 7 Uhr schloss ich auf und um 18.30 Uhr wieder ab“, beschreibt Katharina Sauer ihren Arbeitsalltag. Das Mittagessen oder Brötchen wurde von benachbarten Kollegen aus der gegenüberliegenden Gaststätte, vom benachbarten Fleischer oder vom Pizzaladen gebracht. Pause gab es für sie nicht. An Sonntagen hat sie kleine Ausflüge in die Umgebung, nach Borkum oder nach Wangerooge unternommen – das musste reichen.
1982 ist Katharina Sauer angesprochen worden, ob sie das Geschäft von Monika und Manfred Schütte neben Schuhmacher Drost übernehmen wolle. Da waren ihre beiden Töchter noch klein. Wenn die Kinder krank waren oder in den Ferien betreut werden mussten, nahm sie sie mit ins Geschäft: „Vorne riefen die Kunden, hinten die Kinder – das war manchmal ganz schön stressig.“ Später zog sie um in die ehemaligen Räume des Eisenwarengeschäfts Paulo an der Hauptstraße.
In ihrer knappen Freizeit singt sie im Gesangverein Teutonia Eversten und fiebert dem Auftritt am Montag, 3. Oktober, ab 15 Uhr im Gasthof Ripken in Streekermoor entgegen. Bereut hat sie den Schritt in die Selbstständigkeit trotz aller Entbehrungen nicht. Sauer: „Der Laden war mein Leben.“ Und deshalb geht sie nicht wie viele andere Menschen mit einem lachenden Auge in den wohl verdienten Ruhestand. In Lingen ist sie nun auf der Suche nach einer neuen Bleibe. An der Hauptstraße hinterlässt sie eine große Lücke . . .
