EVERSTEN - Für gewöhnlich führen Zwölfjährige ein relativ gediegenes Leben. Hin und wieder wird zwar das abendliche Ausgehverbot schulterzuckend gebrochen, doch im eigenen Zimmer werden noch unschuldig die Poster von Boy-Bands angehimmelt. Die Oldenburgerin Marga Gray (72), geb, Goertz, war jedoch kein gewöhnliches Kind, und die Zeiten, in denen sie in Bürgerfelde aufwuchs, waren auch andere. Im Alter von zwölf Jahren wanderte die Oldenburgerin (zunächst) alleine nach Amerika aus. Jetzt war sie für zwei Wochen wieder in der alten Heimat. An diesem Mittwoch tritt sie ihre Reise zurück an.
Ausreise am 2. Mai 1952
„Sie war schon immer anders“, sagt ihre ältere Schwester Ursula Kayser (77), die in Eversten lebt, neckisch und schaut Marga an. „Mit Acht hatte ich bereits den Entschluss gefasst nach Amerika zu gehen, doch es dauerte ganze vier Jahre, bis die Einreise-Papiere genehmigt wurden“, erklärt die 72-Jährige. Am 2. Mai 1952 war es endlich soweit. Marga Gray kehrte dem von der Nachkriegszeit geprägten Deutschland den Rücken und zog zu ihrer Tante Gertrud Ruethy, ebenfalls geborene Goertz, nach Washington D.C. Die Tante, die in den 1920er Jahren emigriert war, wollte ihrer deutschen Familie die Möglichkeit eines besseren Lebens bieten.
Wie für jeden anderen Entdecker auch, war Amerika für Marga Gray ein völlig fremdes Land, in dem alles anders und neuartig war. „Das Flugzeug landete zunächst in New York. Es war großartig und überwältigend“, erinnert sie sich.
Doch ihrer Mutter Ella fiel es damals sehr schwer, die eigene Tochter gehen zu lassen, zumal deren Vater am 3. Dezember 1944 im Krieg gefallen war. „Die ersten fünf Jahre waren auch für mich nicht einfach, da hatte ich manchmal Heimweh“, sagt Marga Gray. Aber nach ihrem High-School-Abschluss stand fest: Sie wollte die deutsche Nationalität ablegen und Amerikanerin werden.
Von den vier Geschwistern Marga, Hella, Ludwig und Ursula, ist nur letztere in Deutschland geblieben. Der Bruder emigrierte 1955 nach Amerika und zog ebenfalls zur Tante, nur fünf Jahre später taten es ihm Mutter Ella und Schwester Hella gleich.
„Trotz der großen Entfernung zum Rest der deutschen Verwandten, pflegten Marga und ihre Geschwister engen Kontakt“ erzählt Ingrid (64), Frau von Cousin Dieter Goertz (70). Im Jahr 1981 feierte Ursula Kayser ihre Silberhochzeit. „Es war eine Gelegenheit, die ganze Familie wieder zu vereinen“, sagt sie. Die Eversterin hatte ihre amerikanische Schwester seit 25 Jahren nicht gesehen, und es war das erste Mal seit der Auswanderung, dass alle Geschwister wieder an einem Tisch saßen. „Wir waren damals so aufgeregt“, erinnern sich beide Schwestern.
Sehnsucht nach Grünkohl
Heute lebt Marga Gray mit ihrem Mann, ihren vier Kindern und sieben Enkeln in Dunkirk (Bundesstaat Maryland), südöstlich von Washington D.C. gelegen. Nur zehn Minuten mit dem Auto dauere es, dann sei man in der US-amerikanischen Hauptstadt, so Marga Gray. „Viele gucken ungläubig drein, wenn sie hören, dass Washington D.C. nur etwa 500 000 Einwohner hat.“ Sie vermisst dort vor allem den Oldenburger Grünkohl mit Pinkel aber auch Heringssalat und „die schönen Frühlingssuppen“ ihrer Schwester Ursula.
Gerne kehrt Marga Gray heute nach Deutschland zurück. „Da darf dann die traditionelle Tour entlang der Küste nicht fehlen“, sagt Dieter Goertz. „Man kann auswandern, verreisen, die Welt sehen“, fügt Marga Gray hinzu, „aber Heimat hat man nur eine.“
