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Biosphärenreservat Existenzangst treibt Bauern auf Barrikade

Detlef Glückselig

Butjadingen - Sebastian Renken liebt seine Heimat. Er ist stolz darauf, in Butjadingen aufgewachsen zu sein. Der 26-Jährige, der gerade dabei ist, sein Studium der Agrarwissenschaften in Osnabrück abzuschließen, möchte gerne hier bleiben. Sein Lebensplan sieht vor, den Hof in Mürrwarden, den sein Vater seit 30 Jahren betreibt und den sein Großvater aufgebaut hat, zu übernehmen und als Landwirt seine Brötchen zu verdienen. Doch jetzt sieht Sebastian Renken diesen Plan in Gefahr. Er hat große Angst davor, dass Butjadingen zum Biosphärenreservat wird. „Wenn das passiert, werde ich in eine andere Region gehen“, kündigt der junge Mann an.

Schreckgespenst

Nicht nur für Sebastian Renken stellt der in der Gemeinde äußerst kontrovers diskutierte mögliche Beitritt Butjadingens zum Unesco-Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer ein Schreckgespenst dar. Seine Berufskollegen haben genau so große Sorgen wir der 26-Jährige. Das wird am Donnerstag bei einem Pressegespräch mit Landwirten deutlich, zu dem Claudia Cornelius auf ihren Hof am Widdersweg eingeladen hat.

Er habe „massive Existenzängste“, bringt Carsten Meiners aus Stollhamm auf den Punkt, was alle in der Runde denken. Uwe Ralle, der als Vertreter der Landwirtschaftskammer mit am Tisch sitzt, erinnert daran, dass die Landwirte gebrannte Kinder seien. Oft genug hätten sie sich auf Naturschutz-Projekte eingelassen, um dann hinterher mit drastischen Einschränkungen leben und wirtschaften zu müssen. Ralle hat die Sorge, dass sich dieses Spielchen bei einem Biosphärenreservat-Beitritt wiederholt und nachträglich Schritt für Schritt weitere Hürden und Blockaden aufgebaut werden.

Das wolle niemand von den Landwirten, betont Claudia Cornelius, die sich tief in die Materie eingearbeitet hat. Sie glaubt, dass die Nationalparkverwaltung den Beitritt von Städten und Gemeinden zum Biosphärenreservat massiv voranzutreiben versucht, weil dem 240 000 Hektar großen Wattenmeer, das eine Schutzzone darstelle, landseitig eine ebenso große Fläche als Entwicklungszone gegenübergestellt werden müsse. Ansonsten nämlich drohe eine Aberkennung des Biosphärenreservat-Status’ durch die Unesco, sagt sie.

Doch Gründe, aus denen Butjadingen den Beitritt vollziehen sollte, sieht Claudia Cornelius nicht. Sie geht davon aus, dass nicht mal der Tourismus profitieren würde. Feriengäste jedenfalls, mit denen sie gesprochen habe, hätten Skepsis und Sorgen vor Einschränkungen an ihrem Urlaubsort geäußert. Sebastian Renken sieht das ähnlich. Und selbst wenn der Tourismus Nutzen aus dem Biosphärenreservat ziehen sollte, wäre der Preis, den die Landwirte dafür zahlen müssten, viel zu hoch, sagte er.


Möglichkeiten zur Direktvermarktung, Nachhaltigkeit, Naturschutz – das sind Punkte, in denen die Befürworter eines Biosphärenreservats Chancen sehen. Doch all das gebe es längst in Butjadingen, argumentieren die Landwirte. „Man sollte nicht immer nach neuen Sternen greifen, sondern mit dem werben, was man hat“, meint der frühere Landwirt Ernst-August Abbenseth, der sich stark dafür engagiert hat, in Butjadingen Landwirtschaft und Naturschutz in Einklang zu bringen.

Sorge um Wertverlust

Unterdessen äußert Carsten Meiners noch eine weitere Sorge – nämlich die, dass die Flächen der Landwirte durch einen Beitritt zum Biosphärenreservat an Wert verlieren. Dann könnte es auch bei der Aufnahme von Krediten für Investitionen in einen Betrieb eng werden – denn die Flächen dienen als Sicherheitsleistung. Frerk Allmers-Plump und Peter Beck von der Raiffeisenbank Butjadingen-Abbehausen, die bei dem Gespräch ebenfalls dabei sind, bestätigen das.

Wie geht es nun weiter? Der Planungs- und Umweltaussschuss des Gemeinderats hatte am Dienstagabend keinen Beschluss darüber fassen können, ob die Verwaltung – wie von SPD, CDU und Grünen beantragt – weitere Informationen zum Thema Biosphärenreservat einholen soll. Die Sitzung war, wie berichtet, umgehend abgebrochen worden, nachdem der ehemalige Kreislandwirt Peter Cornelius im Rathaussaal zusammengebrochen war und wenig später verstarb. Der Gemeinderat, der am 16. Juni tagt, könnte auch ohne eine Beschlussempfehlung des Fachausschusses entscheiden, sagt Bürgermeisterin Ina Korter. Ob er das tun oder das Thema zur weiteren Beratung vertagt werden soll, sei eine Entscheidung der Politik.

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