FEDDERWARDERSIEL - Heute dienen die großen Seedeiche entlang der Küste dem Schutz vor Sturmfluten und Wellen. Sie stemmen sich mit ihrer Masse gegen die Fluten und schützen so Menschen, Industriebetriebe, Arbeitsplätze, Städte und Wirtschaftsgüter in Milliardenhöhe. Doch vor nicht langer Zeit war das nicht so. Die Deiche galten nicht dem Menschen als Schutz, sondern boten die Möglichkeit, dem Meer landwirtschaftliche Fläche abzutrotzen. Dr. Norbert Fischer, Historiker und Volkskundler an der Universität Hamburg, erläuterte dies in seinem Vortrag im Seminarraum im Fedderwardersieler Museum.

So sei der Schutz der Menschen nur ein wenn auch willkommener Nebeneffekt des Deichbaus gewesen. Bereits im 12. Jahrhundert fingen die Menschen an der Küste mit dem Bau der ersten Deiche gegen die Flut an. Dies seien aus heutiger Sicht allerdings höchstens Sommerdeiche mit einer Höhe von zwei, maximal drei Metern gewesen. Kein Wunder also, dass sie bei den wirklichen Flutaufläufen überschwemmten. Doch das war auch eher ein Glücksfall, denn durch die Zusammensetzung der Flut wurden die landwirtschaftlichen Flächen gedüngt.

Effektiven Schutz boten zu dieser Zeit die schon seit langem genutzten Wurten, die bereits mit den ersten Ringdeichen versehen waren.

Dass der Deichbau auch neue Flächen bringen kann, wurde vor allem nach dem 30-jährigen Krieg und mit dem Bevölkerungsanstieg klar, so Fischer. Die Bevölkerung wuchs und brauchte immer mehr Lebensmittel. Die Landwirtschaft musste handeln, um die Menschen zu versorgen und so wurde Stück für Stück dem Meer mehr Land abgerungen, kultiviert und angebaut.

Hier lag also das Hauptaugenmerk beim Deichbau. Kein Wunder, dass zu der Zeit sich auch die verschiedenen regionalen Deichverbände gründeten, die meist von einflussreichen Bauern geführt wurden. Durch ihren Einfluss im Deichbau wurden diese Bauern noch mächtiger und betrieben regelrecht Politik, bemerkte Fischer.


Fischer erläuterte zwei Artend des Deichbaus:

die Kommuniondeichung, bei der der jeweilige Deichverband die Arbeiten an Lohnarbeiter vergab und selber nur den Deichbau plante;

die Kabeldeichung (oder Pfanddeichung), bei dem nach Größe des Besitzes jeder so genannter Interessent beim Deichbau zur Mithilfe verpflichtet war.

Was es für eine knochenharte Arbeit war, riss der Referent nur kurz an. Aber die Zuhörer im voll besetzten Seminarraum ahnten, welche Mühen der Deichbau mit Spaten und Karre früher machte.

Die Menschen schafften es also so, mehr wertvolles Marschland und Ackerland zu schaffen. Doch mit dem Deich kamen auch die Probleme, denn der Deich stellte eine natürliche Grenze dar. Zur Entwässerung wurden daher Siele in den Deich eingebaut. Und damit die Region noch mit dem Schiff erreichbar und die Waren transportiert werden konnten, wurden Schleusen gebaut.

Bald wurden aber auch Sielhäfen (wie Cuxhaven im Jahr 1618 oder Fedderwardersiel im Jahr 1823) angelegt. Durch Durchlässe (Scharte) im Deich konnten Waren transportiert werden. Übrigens wurde hierfür auch gerne die „trockene“ Deichkappe auf dem Schutzwall genutzt, denn auf den feuchten Marschwegen war oft kein Durchkommen für Pferd und Wagen.

Mit der Gründung der Sielhäfen zeigten sich dann auch kulturelle Unterschiede in einer Region. Während die Bewohner der Hafenorte sich eher weltoffener gaben, waren die Menschen in den Marschendörfern doch eher konservativ in ihrer Einstellung, erläuterte der Volkskundler Fischer.