Zwiesel - Das Thermometer zeigt nur vier Grad an. Aber dank der kräftigen Herbstsonne und der absoluten Windstille ist es hier oben auf 1456 Metern überhaupt nicht kühl. Der Große Arber, höchste Erhebung im Bayerischen Wald, bietet an diesem Nachmittag im Oktober eine Fernsicht wie aus dem Urlaubsprospekt – bis weit ins benachbarte Tschechien hinein. Um den Berg herum gruppieren sich kleinere Erhebungen wie der Osser, Rachel, Lusen oder der Falkenstein. Zu dessen Füßen wiederum liegt, vom Arber heute ebenfalls gut zu erkennen, die Glasstadt Zwiesel.
Alltag einer Künstlerin
Brakes Partnerstadt am Rande des Nationalparks Bayerischer Wald mit ihren knapp 10 000 Einwohnern präsentiert sich in diesen Tagen von ihrer besten Seite. Ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks ist im Ort unterwegs, um ein Porträt über die Künstlerin Gloria Gray zu drehen. Die hochgewachsene Blondine mit üppigen Formen ist vor 41 Jahren als Junge in Zwiesel geboren worden.
Vor zwei Jahren ist Gloria in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, nachdem sie zunächst in München und später international Erfolge als Sängerin, Moderatorin und Schauspielerin gefeiert hat. Sie hat sogar in diversen Filmproduktionen mitgewirkt.
Nun wollen die Fernsehleute zeigen, wie der ehemalige Junge als gefeierte Entertainerin in der Heimatstadt lebt. Doch so alltäglich, wie es wirken soll, sind Fernsehaufnahmen nicht.
Im Werksverkaufs-Laden der Zwiesel Kristallglas AG (ehemals Schott) etwa wird extra ein Ausstellungsbereich für normale Kunden gesperrt, um ein Verkaufsgespräch aufzunehmen. Zuvor wurde in der Dampfbierbrauerei Pfeffer bereits der „Schalander“, die angeschlossene kleine Wirtschaft, komplett von den Fernsehleuten belegt, damit Elisabeth Pfeffer von der Geschäftsleitung ihrer berühmten Kundin die Vorzüge der verschiedenen Biersorten, die im Angebot sind, telegen präsentieren kann. „Beim Discounter wollte sich Gloria nicht filmen lassen“, erklärt die zuständige Redakteurin, warum der gewünschte Alltag doch nicht so alltäglich ausfällt.
Im beschaulichen Ort im Landkreis Regen (benannt nach dem gleichnamigen Fluss) und nur 15 Kilometer von der Grenze zu Tschechien entfernt, wird viel über Gloria gesprochen. Einige wollen wissen, dass sie zuweilen in der Woche noch Auftritte in Las Vegas hat und am Wochenende in ihrem Café höchstpersönlich die Gäste bewirtet. Andere sehen in ihr eher den schrillen Paradiesvogel, der nicht hierher passt. „So weit sind die Zwieseler noch nicht“, sagt ein Einheimischer über seine Landsleute.
Ferienhäuser saniert
„Waldler“ nennen sich die Zwieseler selbst. Dieser Begriff beschreibt einerseits die stolze Verbundenheit mit der Region und andererseits eine gelassene Sturheit. „München ist weit weg“, sagt man hier gern und meint damit, dass man sich nicht gern von außen dreinreden lässt.
Franz Köppl (69) ist so ein „Waldler“. Der Geschäftsführer des dortigen AWo-Kreisverbandes und Lokalpolitiker (er sitzt seit 30 Jahren für die SPD im Stadtrat) ist zwar nicht groß gewachsen wie Klischee-Bajuwaren für Norddeutsche sein müssen, aber dafür ein kaum zu stoppendes Energiebündel. Im Moment werden die sechs Häuser des AWo-Feriendorfs energetisch auf den neuesten Stand gebracht. „Das ist hier zurzeit die größte Baustelle“, sagt Köppl stolz. Investiert werden rund eine Million Euro für neue Fenster, Heizungen, Dächer, Sanitäranlagen und Möbel. Bund, Land Bayern und die Arbeiterwohlfahrt übernehmen jeweils ein Drittel der Kosten. Rund 150 Personen können insgesamt im Feriendorf untergebracht werden. „Das wird sehr gut angenommen, weil es fantastisch liegt“, erklärt Köppl. Auch eine Kinder- und Jugendgruppe aus Brake hat hier bereits Sommerferien verlebt, erzählt Köppl bei einem Rundgang über das etwa drei Hektar große Gelände. Plötzlich entdeckt er bei den Handwerkern einen Kasten Bier in einem der Häuser. „Zu einem guten bayerischen Handwerk gehört ein gutes bayerisches Bier“, ist sein einziger Kommentar. So sind die „Walder“ eben.
Eine Innenstadt mit Fußgängerzone gibt es in Zwiesel nicht. Zentrum ist der Stadtplatz mit kleineren Geschäften, einem Hotel und dem Rathaus mit Kurverwaltung. Der Stadtplatz ist, anders als der Name vermuten lässt, allerdings kein in sich geschlossener Platz, sondern eine – reichlich – befahrene Durchgangsstraße.
Einkehrmöglichkeiten gibt es im Ort genügend, die Gaststätten heißen oft „Stüberl“ und sind so gemütlich, wie der Begriff es vermuten lässt. Vielfach gibt es neben dem Eingang zur Gaststätte ein Schild, das dieses „Stüberl“ als „musikantenfreundliches Wirtshaus“ ausweist. Das heißt, dass entweder der Wirt oder musikalisch versierte Gäste hier unaufgefordert zum Instrument greifen (dürfen) und die Anwesenden mit Heimatliedern unterhalten können. Mitsingen zu den Klängen der Harmonika ist dabei ausdrücklich erwünscht. Heinz Dick (59) etwa lädt regelmäßig zu Kaffee, Kuchen oder Brotzeit bei Musik in seine „Rotwaldglashütte“ ein.
Zusätzlich führt der gelernte Glasbläser dann sein Handwerk am eigenen Ofen vor. Gegen einen Obolus dürfen sich seine Gäste eine „Durstkugel“ (Wasserspender für Blumen) aus buntem Glas blasen. Gläserne Kunstwerke stehen überall in der Stadt – ein Beleg, welche Bedeutung Glas für Zwiesel hat.
Wintersportler erwartet
Die imposante katholische Pfarrkirche St.Nikolaus, das Waldmuseum, eine nicht ganz ernst gemeint Ausstellung über den „Wolpertinger“ – ein geheimnisvolles Sagentier des Bayerischen Waldes –, die unterirdischen Gänge oder die Natur rundherum, die zum Wandern oder Radfahren einlädt: In Zwiesel gibt es viel zu entdecken – zu allen Jahreszeiten. So bereitet man sich in Brakes Partnerstadt jetzt auf die Gäste vor, die zum Skifahren hierher kommen.
Die Wintersportler freuen sich dann auf perfekt gespurte Loipen, etwa auf dem Großen Arber. Dazu wünschen sie sich natürlich auch die passenden Temperaturen – weit unter dem Gefrierpunkt.
