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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Der Flugzeugbauer aus dem Hühnerstall

20.07.2018

Friedeburg Tim Markwald hat ein helles Büro mit breiter Glasfront. Der geschäftsführende Gesellschafter von M+D Flugzeugbau in Marx (Friedeburg/Kreis Wittmund) deutet aus dem Fenster. „In dieser Richtung liegt der Flugplatz.“ Gut fünf Kilometer sind es von seinem Firmensitz bis zum kleinen Flugplatz Bohlenbergerfeld (Friesland), von wo Markwald des Öfteren zum Geschäftsflug mit einer einmotorigen Maschine abhebt, etwa in die Niederlande. „Anderthalb Stunden hin, anderthalb zurück“, sagt er. Für ihn ist das berufliche Routine, nichts Besonderes. Sein Herz aber hängt am Segelflug. Das „sei die schönste Art des Fliegens“, schwärmt der 52-Jährige. Er liebt es, stundenlang durch die Lüfte zu gleiten, auch auf langen Strecken oder bei Wettflügen.

Irgendwann in seinem Lebenslauf reichte dem Hobbypiloten der Segelflug nicht – er wollte eine eigene Flugzeugfirma. Heute setzt M+D Flugzeugbau mit rund 250 Beschäftigten knapp 20 Millionen Euro um und ist eine feste Größe in der Aerospace-Szene des Nordwestens.

Dank einer Kooperation mit dem südafrikanischen Hersteller Jonker Sailplanes gehören die Friedeburger zu den ganz wenigen Unternehmen in Norddeutschland, die komplette Flugzeuge fertigen können. Die Komponenten kommen per Container vom Kap nach Friesland, wo sie montiert, lackiert und veredelt werden. Etwa 40 Exemplare der beiden Baureihen JS3 Rapture und JS1 Revelation stellt M+D Flugzeugbau pro Jahr her. Daneben ist das Unternehmen auch in Reparatur und Wartung tätig (auch für Motorflugzeuge), fertigt spezielle Kunststoffteile und ganze Komponenten wie etwa Hubschraubertüren. Sogar ein selbst entwickeltes kleines Jet-Triebwerk ist im Angebot.

Die Zahl der Produkte bei M+D ist ähnlich groß wie der Ideenreichtum des Gründers und die Flexibilität seines Teams. Fragt man ihn nach der Zukunft, sagt Markwald: „Wir wachsen.“

Gelernt bei VFW Fokker

Den Wunsch, sich in der Flugzeugbranche selbstständig zu machen, hatte der kräftige Mann mir der randlosen Brille von klein auf. „Ich komme aus einer Luftfahrt-affinen Familie“, sagt er. Sein Vater war jahrzehntelang Fluglehrer im örtlichen Segelflugverein, schon als Säugling hob Tim Markwald das erste Mal mit ihm ab. Seither habe ihn die Fliegerei „das ganze Leben begleitet und fasziniert“. Bereits als junger Mann erwarb er die Motorfluglizenz, früh war er Fluglehrer für alle Kategorien: Segelflug und Motorflug.

Aufgewachsen ist der Pilot in Nordenham, wo er die Realschule besuchte und im örtlichen Werk des deutsch-niederländischen Flugzeugbauers VFW Fokker, das heute zur Airbus-Tocher Premium Aerotec gehört,  eine  Lehre zum Metallflugzeugbauer machte. Nach dem Besuch der Fachoberschule und einer beruflichen Zwischenstation bei Siemens in Brake reifte in ihm der Entschluss, sein eigenes Ding zu machen. Angesichts zahlreicher Selbstständiger liege das auch in der Familie, schmunzelt der Unternehmer.

Im März 1995 wagte er es. Mit Unterstützung seiner heutigen Frau Rinelde, einer Steuerfachgehilfin und Bilanzfachfrau, gründete er M+D Flugzeugbau – und am Anfang der Start-up-Story stand die vielleicht kurioseste Standortwahl der regionalen Wirtschaftsgeschichte.

Nähe zum Flugplatz

Schauen Sie sich das Foto an“, sagt Markwald und zeigt auf die Wand gegenüber der großen Fensterfront in seinem Büro. „Das waren hier alles Hühnerställe.“ Auf dem Kriterienkatalog des Gründers für die Wahl seines Firmensitzes standen zwei Punkte ganz weit oben: geringe Standortkosten und die Nähe zu einem Flugplatz. Und so landete er auf dem Gelände eines Agrarbetriebs in Marx – und startete seine Erfolgsstory mit dem Umbau ehemaliger Geflügelställe. „Das Risiko war überschaubar“, sagt Markwald rückblickend. „Wir konnten einfach beginnen.“

Inzwischen stehen auch schmucke neue Verwaltungs- und Produktionsgebäude auf dem weitläufigen Gelände, auf dem speziell im Winterhalbjahr nicht selten Dutzende der typischen Transportanhänger für Segelflugzeuge abgestellt zu sehen sind. „Die kommen aus ganz Europa, sogar aus Übersee“, erläutert Markwald. Bei M+D werden die Segelflugzeuge überholt, repariert oder nach Kundenwünschen ausgestattet. In den Hallen sind zudem einige arg demolierte Segler und kleine Motorflugzeuge zu sehen. Da fehlt mal eine Tragfläche oder es gibt größere Kratzer, weil der Pilot über die Landebahn hinausschoss oder am Boden mit Hindernissen kollidierte. Markwalds Leute kriegen so etwas wieder hin. Auch für Offshore- und Inselflugdienste arbeiten sie. Der Chef persönlich wie auch einige seiner Mitarbeiter legen regelmäßig alle wichtigen Prüfungen ab und verfügen über die in der Luftfahrt maßgeblichen Zertifikate. So ist Markwald auch offizieller Prüfer für Luftfahrtgeräte und kann Maschinen bei der jährlichen Inspektion „lufttüchtig“ schreiben, als TÜV der Lüfte sozusagen.

Das reine Instandhaltungsgeschäft war dem Unternehmer schon nach wenigen Jahren nicht mehr genug. Er wollte höher hinaus und erwarb sukzessive die in der besonders strikt beaufsichtigten Luftfahrtbranche notwendigen Genehmigungen für die Entwicklung und den Bau von Flugzeugen. Die Chance, endlich „ein ganzes Flugzeug zu bauen“, ergab sich 2004: Als die Rechte an dem ursprünglich in Österreich entwickelten Motorsegler  Avo 68 Samburo  auf  den Markt kamen, griff der in der Luftfahrtszene bestens vernetzte Techniker zu. Der Gebäudekomplex wurde umgebaut, ab 2005 wurden die ersten Bauteile geliefert, 2007 waren aus den Hühnerställen Produktionsanlagen geworden.

Im Frühjahr 2008 hob der erste Samburo-Zweisitzer made in Friedeburg vom Flugplatz Bohlenbergerfeld ab. „Der Bau, die Tests und die Prüfungen – alles hier gemacht“, freut sich der M+D-Chef noch heute über diesen großen Tag in der Geschichte seines Unternehmens.

Zehn Jahre später fliegt das erste Exemplar immer noch in Diensten des örtlichen Segelflugvereins, die Nachfrage nach dem Motorsegler entwickelte sich laut Markwald anschließend „erfreulich“ – bis die Finanzkrise zu einem abrupten Auftragseinbruch führte. Nur sechs Samburos wurden in Friedeburg noch gebaut, inzwischen ruht die Produktion. Markwald ist anzumerken, dass er gern wieder loslegen würde. Er findet die Maschine „immer noch toll“. Aber man könnte auch was Neues machen. Flexibel war der 52-Jährige schon immer.

Das Wissen, das sich M+D im Umgang mit Kohlefaserverbundstoffen im Flugzeugbau aufgebaut hat, setzt das Unternehmen inzwischen auch in anderen Bereichen ein und fertigt Bauteile etwa für Windkraftanlagen, Kräne und Agrarmaschinen. Zu den vielen anspruchsvollen Aufträgen, die Markwald an Land ziehen konnte, gehört beispielsweise ein Flugsimulator für das Modell des Militärhubschraubers NH 90 für den Kunden Rheinmetall. 17 Exemplare hat man ausgeliefert.

Vor etwa fünf Jahren wurde das erfolgreiche Geschäft mit Faserverbundwerkstoffen in die Tochterfirma M+D Composite Technology ausgegliedert, weitere Töchter unter anderem für Personaldienstleistungen und Marketing für Firmen in der Luftfahrtbranche folgten.
Die Produktion von Bauteilen für die Industrie – mit Schwerpunkt im Windkraftanlagenbau – ist aktuell die umsatzstärkste Sparte bei M+D, das Herz der Firma aber bleibt der Flugzeugbau, das ist überall auf dem Werksgelände deutlich spürbar. Markwald, der begeisterte Flieger, kann auch wohl nicht anders. Mehr als 80 Jonker-Segelflugzeuge haben sie in Friedeburg schon gebaut. Darauf sind sie stolz.

Genau deswegen zieht es auch Fachleute wie Thomas van den Boom hierher, der extra aus dem Südschwarzwald nach Wiesmoor umsiedelte, um bei M+D zu arbeiten. An einer JS1 Revelation demonstriert er die neueste Erfindung des Unternehmens. Er betätigt einen Schalter – und schon öffnet sich im Rumpf des Segelflugzeugs hinter dem Cockpit eine Luke. Eine kleine Turbine wird sichtbar – ein selbst entwickelter Jet-Antrieb für Segelflugzeuge. Die Hightech-Alternative zum klassischen Propellerzusatzmotor kann die Reichweite eines Segelfliegers beträchtlich erweitern – und den gemächlichen Gleiter auf bis 250 Kilometer pro Stunde beschleunigen.

Im ersten Stock der Flugzeughalle gibt es sogar einen kleinen Teststand für die Minitriebwerke. Hier hat Chefmechaniker Gerhard von Lienen das Sagen. Fährt der Nordenhamer das Jet-Triebwerk in der Testapparatur hoch, die aussieht wie ein Großbackofen, klingt es, als stünde man auf dem Vorfeld eines großen Airports. „Heimkehrhilfe“ nennen sie das lärmende, nur 3,2 Kilogramm schwere Ei, das eine sichere Rückkehr auch bei widrigen Windverhältnissen ermöglicht.

Sohn mit an Bord

Und wie geht es weiter? Die ökonomische Fernsicht ist gerade nicht besonders gut, weder in der Luftfahrt- noch in der Windkraftbranche, was auch am politisch gebremsten Ausbau der erneuerbaren Energien liegt, der Markwald ziemlich ärgert. „Wir wollen hier sichere Arbeitsplätze schaffen“, nennt der Unternehmer als sein Hauptziel. Dazu muss M+D auch für auswärtige Fachkräfte attraktiv bleiben. Zuletzt heuerten etwa mehrere Experten der untergegangenen Firma Carbon Rotec aus Lemwerder in Friedeburg an. Zusätzlich bildet das Unternehmen den Nachwuchs (Leichtflugzeugbauer) auch selbst aus.

Neben den vielen neuen Projekten findet der Firmenchef trotzdem noch genug Zeit für sein liebstes Hobby, das ihn einst erst zum Unternehmer machte: das Fliegen. Ein Trip mit dem Motorsegler kann bei ihm schon mal zehn Stunden dauern. „Ich bin gern lange unterwegs“, sagt er. Und sollte er eines Tages nur noch fliegen wollen, gibt es bereits eine langfristige Per­spektive für das Unternehmen: Sein Sohn Keno (29) ist bereits mit an Bord.

Rüdiger zu Klampen
Redaktionsleitung
Wirtschaftsredaktion
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