FRIESOYTHE - „Meine Mama bringt mich um.“ Das war der erste Gedanke, der Anna durch den Kopf ging, als sie die zwei Striche auf dem Schwangerschaftstest sah. Schwanger. Mit 18 Jahren. Anna war kein Kind mehr. Eine erwachsene Frau war sie aber auch noch nicht. „Ich würde mich auch jetzt noch nicht als so reif bezeichnen.“ Jetzt ist Anna (alle Namen von der Redaktion geändert) 22 Jahre alt. Ihr kleiner Sohn Niklas wird bald drei Jahre alt. „Ich liebe mein Kind über alles, ich würde die Hand für ihn ins Feuer legen“, sagt Anna. Trotzdem würde sie einiges anders machen, wenn sie entscheidende Weichen in ihrem jungen Leben noch einmal neu stellen könnte.
Zwiespältige Gefühle
Anna hat Angst davor, dass man sie für eine schlechte Mutter halten könnte, weil sie heute sagt, dass es besser gewesen wäre, mit einer Schwangerschaft noch einige Jahre zu warten. Denn ihr Sohn ist eben auch ihr ganzer Stolz und ihr ganzes Glück – im Alter von 19 Jahren Mutter zu werden, hat Anna viel gegeben, ihr aber auch die normale Jugend genommen.
Annas Schwangerschaft war kein „Unfall“. Sie hats darauf ankommen lassen. Sie weiß, dass sich andere fragen, wie ein Mädchen dazu kommt. Es fällt Anna auch nicht leicht, zu erklären, was in ihr vorging: Anna hatte gerade ihren Realschulabschluss gemacht und wollte eine Ausbildung beginnen. Mit Kindern wollte sie arbeiten. Als man ihr dann sagte, dass ihre schulischen Leistungen dafür nicht ausreichen, brach einiges zusammen: „Ich hatte das Gefühl, im Leben nicht weiterzukommen. Ich wollte mir selbst eine Perspektive schaffen, wollte etwas, worum ich mich kümmern kann.“
Anna machte ein Freiwilliges Soziales Jahr und lernte dabei ihren Freund Tim kennen. „Das Durchhaltevermögen fehlte bei mir, in beruflicher Hinsicht war ich unentschlossen. Wenn ich damals wirklich dafür gekämpft hätte, hätte ich vielleicht auch eine Ausbildung machen können.“ Andere junge Frauen im Umfeld der Frischverliebten waren schwanger oder hatten schon ein Baby: Anna gefiel, was sie da sah – ein Stück heile Welt. „Wir haben uns vorgestellt, wie es wäre, wenn. . .“
Die erste große Liebe
Tim ist ihre erste große Liebe, sie wollten sich binden. Als Anna schwanger wurde, kannte sie Tim seit einigen Monaten. Das Paar lebte von Hartz-IV, das Geld reichte.
Das erste Jahr nach der Geburt war hart für die jungen Eltern: Niklas war oft krank, musste mehrfach ins Krankenhaus. „Da war ich oft an der Grenze meiner Belastbarkeit.“ Aber Anna und Tim haben durchgehalten. Sie sind Eltern. Das bedeutet aber auch den Verzicht auf das Leben, das andere junge Leute in diesem Alter führen.
Tim ist heute 25 Jahre alt und macht gerade eine Ausbildung im Handwerk. Anna will bald eine Berufsausbildung beginnen. Was für sie etwas ein könnte, will sie mit Judith Block vom Pro-Aktiv-Center (Pace) des Caritas-Sozialwerks herausfinden. In der Beratungsstelle in Friesoythe an der Barßeler Straße 24 finden Schwangere und junge Mütter Unterstützung. „Ich war dort auch schon während meiner Schwangerschaft“, erzählt Anna. Ihr wurde geholfen, Anträge auszufüllen und Behördengänge zu erledigen. „Wir finden Antworten, haben das gebündelte Wissen und sind gut vernetzt“, erklärt Judith Block. Praktische Hilfen werden geboten. Aber es kann auch über Sorgen und Ängste im Zusammenhang mit der Schwangerschaft, der Geburt und der Zeit danach gesprochen werden. Es gibt auch regelmäßig einen Treff für junge Mütter in Friesoythe.
Ziel: Ausbildung
Annas nächstes Ziel ist definiert: eine Ausbildung. Sie will ihr Leben auf die Reihe kriegen. Durch Niklas hat sie gelernt, Verantwortung zu übernehmen – auch für sich selbst. Bei der Beratungsstelle bekommt sie die nötige Unterstützung dafür. Heute weiß Anna, dass sie mit 18 Jahren noch nicht reif für ein Kind war. „Ich hatte damals gedacht, ich werde schwanger, kriege mein Kind und fertig. Ich hatte mir das alles viel einfacher vorgestellt.“
