FRIESOYTHE - FRIESOYTHE - Es war mitten in der Nacht, als der Vater seinen beiden vier und sechs Jahre alten Kinder weckte. Die Familie war aus der Stadt geflüchtet und hauste nun schon seit Tagen in einem Erdbunker bei Heinrich Stratmann in Eggershausen. Dort, vor den Toren der Stadt, hatten die beiden Kinder Heinz und Maria mit ihren Eltern Heinrich und Helena Einhaus Zuflucht vor der näher rückenden Kriegsfront gefunden. Jetzt standen die Kinder mit Vater und der schwangeren Mutter mitten in der Nacht vor dem Erdbunker – und trauten ihren Augen nicht: Heller Feuerschein lag über der nahen Stadt. Der Turm der St.-Marienkirche brannte lichterloh.
Heinz Einhaus erinnert sich noch sehr genau daran, dass sein Vater einige Tage zuvor im Garten hinter dem Haus der Familie an der Neuen Straße (heute Zweirad Frerichs an der Bürgermeister-Krose-Straße) Kisten mit Porzellan, Speck und Eingemachtem vergrub und mit Grassoden bedeckte. Schwester Maria Hoffmann geborene Einhaus sind die ständigen Fliegeralarme jener Tage in Friesoythe in schrecklicher Erinnerung. Sie ging damals in die erste Klasse der Volksschule am Hansaplatz: „Wenn die Sirenen heulten, mussten wir die Schule verlassen und Schutz suchen im Bunker am Bahnhof.“
Als wenig später die kanadischen Truppen immer näher kamen und die Stadt unter Beschuss nahmen, flüchtete Maria mit Bruder, Eltern und Oma Maria. Auf einem Handwagen waren Bettgestell, Matratze und einige Habseligkeiten sowie Lebensmittel verstaut. Maria Hoffmann: „Ich habe das Bild mit dem Handwagen, den die Oma zog, noch genau vor Augen.“ Da kamen gerade die ersten Panzer in die Stadt. Maria Hoffmann: „Wir sahen sie noch in der Langen Straße, als wir flüchteten.“
Im Erdbunker, in dem zeitweise zudem die Familie von Bäcker Kläne einquartiert war, verbrachte die Familie Einhaus mehrere Wochen. „Bis alles vorbei war“, wissen Heinz und Maria. Aber auch in Eggershausen blieben die Friesoyther nicht verschont. Eines Tages kamen kanadische Soldaten vorbei. Sie nahmen die Fahrräder der Familie mit. Heinz Einhaus: „Die hatten in einer Weide in der Nähe ihre Zelte aufgeschlagen. Von ihnen habe ich die erste Schokolade meines Lebens bekommen.“
Unterdessen machte sich die Mutter der Kinder in der Nacht heimlich auf den Weg in die Stadt. Sie schaute zu Hause nach dem Rechten und fütterte die beiden Schweine im Stall. Während das Wohnhaus der Familie später in Flammen aufging, überlebten die Schweine die Tage der Zerstörung. Die Familie Einhaus zog dann aus dem Erdbunker zunächst in ein Zimmer bei der Familie Steenken an der Barßeler Straße, später in ein Behelfswohnheim. Damals wurde Vater Heinrich von den kanadischen Soldaten zur Arbeit mitgenommen. Der Sägewerker, der sonst bei Haßkamp gearbeitet hatte, musste Holzbohlen für die kanadischen Truppen schneiden.
Heinz und Maria haben jedoch auch viele schöne Erinnerungen an ihre Kinderzeit mitten in der Stadt. Dazu zählt auch das Spielen im alten Stadttor. Das war eigentlich nicht erlaubt, aber irgendwie gelang es den Kindern immer, „bis in den ersten Stock zu kommen“, weiß Maria Hoffmann. Ihr Bruder Heinz: „Deshalb war es für uns Kinder ein ganz schlimmes Gefühl, die Stadt verlassen zu müssen.“ Das alte Stadttor war bereits wenige Tag später Geschichte.
