Oldenburg - Der Weg von Osternburg zum Bahnhof war weit – zumindest als es noch keine Brücke über den Stau gab und wenige ein Auto oder Fahrrad besaßen. Abhilfe schaffte Heinrich „Heini“ Heeren mit seiner Fähre. „Hol öwer, Heini“, riefen die Fahrgäste, wenn er gerade mit seinem Boot am anderen Ufer war. Während er rüber schipperte, setzten sie sich auf eine Bank an der Huntestraße und warteten, bis er sie abholte.
„Wir Kinder aus der Huntestraße durften oft umsonst mitfahren“, sagt die 72-jährige Zeitzeugin und Hobby-Autorin Hanna Seipelt. „Wir hielten die Hände ins Wasser und fühlten uns wie die Seeleute auf großer Fahrt.“ Im Alter von 50 Jahren begann Heini im Jahr 1928 Menschen über den Stau zu befördern. Zu Beginn waren es täglich rund 100 Menschen. Eine Überfahrt kostete zehn Pfennig.
Der Job hatte es in sich: Seine Tage begannen morgens um 7 Uhr und erst gegen 18.30 Uhr legte Heini das Ruder aus der Hand – auch die Mittagspausen machte er bei der Arbeit. Und das sieben Tage die Woche. „Alle Fahrten aneinandergekettet werde ich wohl schon nach New York und zurück gerudert sein“, so Heini in einem NWZ -Interview von 1952.
Er fuhr bei Wind und Wetter. „Bis zu sieben oder acht Zentimeter kann das Eis ruhig dick sein, da schlage ich mir eine Rinne hinein. Dann fahre ich weiter“, sagte Heini, der zuvor als Matrose und Bootsmann über die Weltmeere gefahren war.
Hanna Seipelt kann sich noch gut an den freundlichen Mann erinnern. Sonntags brachte sie dem Fährmann ein Stück Kuchen und manchmal auch eine Zigarre ihres Vaters, die Heini zerbröselte und in seiner Pfeife rauchte. Besonders in der Nachkriegszeit wurde die Fähre sehr viel genutzt, erinnert sich Seipelt.
In seinem kleinen Fährhaus am Ufer an der Huntestraße hatte Heini einen Stuhl und einen Kanonenofen, an dem er sich an kalten Tagen wärmen konnte. „Er saß in seinem Fährhaus eigentlich auch nur, wenn es geregnet hat“, sagt die Zeitzeugin. Als Person war der Fährmann ein ruhiger Genosse. „Viel gesprochen hat Heini nicht, aber dafür gemalt.“ Einige seiner Malereien vom Hafen schenkte er Seipelt zum Abschied, als er 1957 als 78-Jähriger beschloss, in den Ruhestand zu gehen. Durch den Bau der Brücke über den Stau hatte der Fährmann immer weniger Fahrgäste.
Einen Tag vor seinem Abschied wurde er aber nochmal aus der Ruhe gebracht. Ein etwa zehnjähriger Junge brach in das Fährhaus ein und stahl Heinis Tageseinnahmen von sieben Mark. Die Beute gab der Junge mit seinem Bruder innerhalb von einer Stunde auf dem Kramermarkt aus.
Nachdem der Betrieb eingestellt war, nutzte Seipelt das Fährhaus auf ganz andere Art und Weise. Sie und ihr Freund versteckten Liebesbriefe in dem Häuschen und benutzen es als „Postkasten“. Sie sagt: „Das war für uns ganz wichtig, dass wir einen Ort hatten, an dem wir etwas hinterlegen konnten.“ Mittlerweile sind sie seit 51 Jahren verheiratet.
Heinis Geschichte wird ab dem 9. November im neuen Restaurant „Heini am Stau“ durch viele Bilder und Gegenstände thematisiert. „Wir möchten an diese schöne Geschichte Oldenburgs anknüpfen“, sagt Restaurantbetreiber Hanns Heyng, der den Anstoß zu der Aufarbeitung gab. Die Speisekarte bietet passend dazu bürgerlich deutsche Küche für die ganze Familie. Auch Bierliebhaber kommen auf ihre Kosten: Neben 50 Sorten bekommen Gäste das „Heinis Original“, extra dafür von der Bayreuther Maisel-Brauerei geschaffen. Das Lokal startet am Stau 142 (vorher „Anna Hunte“) und öffnet täglich.
