GANDERKESEE - Seit Ende 2010 war das Vorhaben auf Eis gelegt. Doch jetzt macht sich Ganderkesee ans Auftauen: Mit großem finanziellen Kraftakt wird die Gemeinde direkt an der A 28 in Grüppenbühren ein 28 Hektar großes Gewerbegebiet entwickeln – da, wo sich vor mehr als 2000 Jahren schon einmal eine Art „Industriegebiet“ befunden hatte. „Filetstücke“ könne man dort anbieten, mit direktem Autobahnanschluss, schwärmte der Erste Gemeinderat Rainer Lange am Donnerstagvormittag bei einer Pressekonferenz. Am Abend stellte der Gemeinderat die Weichen für das Millionenprojekt.
Vor mehreren Jahren hatte die Gemeinde schon einmal ins Auge gefasst, das nordöstlich der Ecke B 212/A 28 gelegenen Areal in ein Gewerbegebiet zu verwandeln. Schon damals schloss sie Kaufverträge (mit Option auf Rückgabe) mit Grundeigentümern ab.
Dass die ehrgeizigen Pläne im Jahr 2010 nicht weiter verfolgt wurden, hatte vor allem zwei Gründe: Erstens hatten Archäologen bei einer Prospektion in Grüppenbühren „ausgesprochen seltene Funde“ aus der Vorrömischen Eisenzeit entdeckt. Das Landesamt für Denkmalschutz fordert seither im Falle einer Nutzung für Gewerbe eine (teure) Ausgrabung. Zweitens kam der Gemeinde die Wirtschaftskrise dazwischen.
Doch mittlerweile, so sagten Lange und Wirtschaftsförderin Christa Linnemann, seien die Karten neu gemischt, die Situation sei eine andere.
Punkt eins: „Deutlich“ sei die Nachfrage nach Gewerbegrundstücken gestiegen. Wenn das so weitergehe, werde man in wenigen Jahren an der Westtangente nichts mehr anbieten können. Und: Mehrere Unternehmen stünden auf der Matte und fragten gezielt nach Grüppenbühren. „Fünf bis zehn“ Interessenten gebe es da.
Punkt zwei: Die Fördermittelsituation ändere sich derzeit. Die EU beabsichtige, in Zukunft keine Gewerbegebiete mehr zu fördern. Da müsse schnell sein, wer noch auf Geld aus dem Topf zur „Förderung wirtschaftsnaher Infrastruktur und regionaler Wachstumsprojekte“ hofft. Bis zum 15. August will die Gemeinde ihren Förderantrag einreichen. Bis zu 30 Prozent der Erschließungsmaßnahmen, maximal eine Million Euro lägen als Zuschuss drin.
Bei seiner Sitzung am Donnerstagabend fasste der Gemeinderat im Hinblick auf das neue Gewerbegebiet zwei Beschlüsse:
Im Nachtragshaushalt 2012 werden 80 000 Euro für weiteren Grunderwerb in Grüppenbühren bereitgestellt, ferner 180 000 Euro für Planungskosten für das Gewerbegebiet.
Als Verpflichtungsermächtigung für den Haushalt 2013 wurden noch einmal 322 000 Euro für Grunderwerb notiert, ferner 4,5 Millionen Euro für die Erschließung des Gewerbegebietes.
Über „ausgesprochen seltene Funde“ hatten sich Archäologen gefreut, als sie bei Probegrabungen im August und im November 2010 im geplanten Gewerbegebiet Ganderkesee-West buddelten. „Es hört hier einfach gar nicht mehr auf mit den Entdeckungen“, frohlockte seinerzeit Grabungsleiter Michael Wesemann.
Bei der ersten Voruntersuchung (August) stießen die Archäologen in einer 2,1-Hektar-Fläche im Nordwesten des geplanten Gewerbegebietes auf 17 Eisenverhüttungsöfen aus der Mittleren Vorrömischen Eisenzeit (400 bis 300 v. Chr.), ferner in einer 3,4-Hektar-Fläche in der nordöstlichen Ecke auf Gruben, Gräben, Pfostenlöcher und Keramik aus der Jüngeren Vorrömischen Eisenzeit (um Jesu Geburt). Im November folgte eine Prospektion in einem 7,1 Hektar großen Gebiet weiter südlich zur A 28 hin. Dort fand man weitere acht Verhüttungsöfen, so dass die Bezirksarchäologin Dr. Jana Fries hochrechnete, dass es wohl insgesamt mehr als 300 solcher Öfen geben könnte. Ebenfalls entdeckt wurden zwei Meilergruben für die Verhüttung von Holzkohle.
Falls das bislang landwirtschaftlich genutzte Gebiet in ein Gewerbegebiet verwandelt wird, seien vorhergehende Grabungen „unerlässlich“, hieß es im Dezember 2010 vom Landesamt für Denkmalschutz. Die Gemeinde geht derzeit davon aus, dass die Grabungen mit etwa 500 000 Euro zu Buche schlagen. Die Gemeinde habe schon entsprechende Rückstellungen gebildet, sagte Rainer Lange.
