GANDERKESEE - Heute feiert Herbert Müller seinen 94. Geburtstag. Die Ehe hat Krieg und Flucht überdauert.
Von Markus minten
GANDERKESEE - „Die Zeit vergeht so schnell!“ Herbert Müller darf sich ein solches Urteil erlauben. Immerhin wird der rüstige Rentner am heutigen Freitag 94 Jahre alt und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Und kommende Woche Sonntag hat er gleich noch einen Grund zu feiern: Dann ist er 68 Jahre mit seiner Frau Brunhilde (88) verheiratet. 68 glückliche Jahre, wie beide betonen, auch wenn viele davon alles andere als leicht waren: Weltkrieg, Flucht aus der DDR und Neuanfang im Westen, die Müllers haben viel erlebt und viel zu erzählen.Aus der Ausbildung zum Industriekaufmann in Stettin wurde Müller mit „einem Zeugnis entlassen, mit dem man etwas anfangen konnte“. Nur war das „zu einer Zeit, als wir sechs Millionen Arbeitslose hatten“. Und da ihm das „Herumlungern nicht lag“, blieb dem Mann nur der Weg zur Armee. Mit Glück und Beziehungen – ein Cousin seines Vaters spendierte dem Kommandeur eines Reiterschwadrons ein paar Bier – wurde Müller genommen. Was folgte war eine Unteroffizierskarriere, die ihn schnell zum Spieß werden ließ, mit Wohnung in der Kaserne. „Das war mir schon unangenehm“, gesteht Brunhilde Müller, wenn sie an ihre ersten Wege vom Einkaufen über den Kasernenhof denkt. Für ihren Mann folgten Jahre in Polen, Belgien, Frankreich und Russland – und eine Offiziersausbildung. Die
Kriegsjahre waren aber auch Jahre der Trennung von Brunhilde und den beiden kleinen Söhnen.
Die Lüge „Meine Frau ist in Burgdorf“ machte Müller nach Kriegsgefangenschaft den Weg frei Richtung Hannover. Dort fand er einen Job bei der Stadtverwaltung und wollte Frau und Kinder aus Stralsund holen. Die weigerten sich aber, die von Russen besetzte Wohnung zu räumen. Und so nutzte Müller seinen ersten Urlaub zur Heimreise. In der Berufsberatung des Arbeitsamts fasste er Fuß. Doch Kommunismus, Nachwuchsplanerfüllung und Überwachung sowie Mangel am Nötigsten ließen schnell Pläne für eine Flucht reifen.
Mit Rückendeckung seines Chefs wagte Müller 1951 die Flucht in den Westen – ohne Frau und Kinder, die später nachkamen. Nach Station in Rastatt und Karlsruhe machte sich die Familie 1957 „im Lloyd 300 mit 70 km/h“ auf den Weg nach Hannover. Das Landesarbeitsamt war das Ziel. Im Norden, nah der See, wollte die Familie endlich heimisch werden. Auch wenn aus der Stelle in Cuxhaven nichts wurde, klappte es in Delmenhorst. Als Berufsberater war Müller dort bis 1973 tätig und hat vor allem den Kontakt zu den Schulen „von der Bremer Grenze bis nach Wildeshausen“ intensiviert.
Mobil war das Paar, das seinen Lebensabend im Wohnpark „Am Fuchsberg“ verbringt, nicht nur auf der Suche nach Heimat und Arbeit. Gerne sind die beiden noch heute unterwegs, auch wenn Alter und Gesundheit größere Touren – wie früher nach Cuxhaven – nicht mehr zulassen. Hat sich Müller bis Mai letzten Jahres noch selbst hinters Steuer gesetzt („Das geht wegen der Augen nicht mehr“), fahren beide jetzt mit dem Sammeltaxi ins Dorf und zum Essen nach Delmenhorst. Denn eines ist beiden wichtig: „Wir legen Wert darauf, uns zu bewegen, trotz des hohen Alters.“
