GANDERKESEE - Bei Gerd von Seggern ging „der Puls auf 220“, als er diesen Brief in Händen hielt: Die Eon-Tochter „transpower“ berichtete ihm mit Schreiben vom 21. Oktober von einer Überprüfung, „ob und in welchem Umfang“ die geplante 380 kV-Leitung zwischen Ganderkesee und St. Hülfe erdverkabelt werden soll. Mit anderen Worten: Die nach jahrelangem Gezerre erstellten Pläne für eine Teilverkabelung sind möglicherweise ein Fall für den Papierkorb. Anwohner wie von Seggern reagierten teils empört, teils „geschockt“.

Auf Landesgesetz vertraut

Zum Hintergrund: Nach Verabschiedung des „Niedersächsischen Erdkabelgesetzes“ im Dezember 2007 hatten viele Anwohner sich sicher vor dem befürchteten Elektrosmog gefühlt. Denn in Folge dieses Gesetzes dürfen Hochspannungsleitungen, die bis zu 200 Meter an Einzelwohnhäuser herankommen, nicht als Freileitungen gebaut werden – sondern müssen in den Boden. Die zuständige Eon-Tochter erstellte daraufhin für die 56-Kilometer-Trasse einen Entwurf mit sieben Verkabelungs- und sechs Freileitungsabschnitten.

Ihre neue Linie begründete die „transpower GmbH“ jetzt mit dem im August 2009 in Kraft getretenen „Energieleitungsausbaugesetz“ (EnLAG). Dieses Bundesgesetz sei höherrangig als ein Landesgesetz und hebele Letzteres ggf. aus – so jedenfalls argumentierte „transpower“-Sprecherin Cornelia Junge. Das hieße: Eine Leitung in Wohnhausnähe müsste nicht zwingend in die Erde, denn im EnLAG gibt es hierzu nur eine „Kann-Bestimmung“.

Freileitung billiger


Vor diesem Hintergrund lasse „transpower“ die Planung für die Trasse zurzeit prüfen, berichtete Projektleiter Horst-Lutz Schäfer. Der Antrieb ist klar: Bei Freileitungen rechnet die Eon-Tochter mit Kosten von einer Million Euro je Kilometer, im Falle von Erdverkabelung mit dem Achtfachen.

Ihm persönlich wäre eine eindeutige Maßgabe durch Gesetz auch lieber gewesen, räumte Schäfer ein. Das Ergebnis der Prüfung sei offen. Nach den Erläuterungen zum EnLAG seien Erdkabel-Abschnitte ab drei Kilometer Länge wirtschaftlich und technisch sinnvoll.

Müller pocht auf Zusagen

Im Ganderkeseer Rathaus war die Distanz zu dem „transpower“-Vorstoß unüberhörbar. Wenn die Eon-Tochter jetzt alle ihre Zusagen wieder in Frage stelle, sei das „nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme“, meinte Fachdienstleiter Bruno Müller. Ganderkesee gehe davon aus, dass „Eon sich an gegebene Zusagen hält“.

Ein Abrücken von den Zusagen „gäbe hier richtig Randale“, sagte Gerd von Seggern voraus. „Schärfsten Protest“ kündigte er für den Fall an, dass die Eon-Tochter den Bürgern „380 kV-Monstermasten vor die Haustür“ setze.