GANDERKESEE - GANDERKESEE - „Wenn ein Mensch geboren wird“, sagt Heinz Gronewold, „guckt jeder hin – aber wenn ein Leben endet, schauen alle weg.“ Gronewold schaut hin, mehr noch: Er geht hin, hört zu, versucht zu trösten und zu helfen. Von Berufs wegen hat der frühere Klinikseelsorger schon immer mit Tod und Trauer zu tun gehabt, jetzt setzt er sich damit ehrenamtlich auseinander.
Gronewold gehört zum Begleitungskreis des Hospizvereins Ganderkesee, der jetzt nach fast zweijähriger Vorbereitungszeit seine Arbeit aufnimmt. 15 Männer und Frauen haben sich intensiv auf ihre Aufgabe vorbereitet: in Seminaren, Vortragsveranstaltungen und vor allem in Rollenspielen. „Die waren wirklich hart“, erinnert sich Gronewold, und Christine Bahr, die Koordinatorin des Begleitungskreises, ergänzt: „Dabei wurden Grenzen ausgelotet.“ Rollenspiele kommen der Realität nahe, aber wie es wirklich ist, Menschen, die sie zuvor nicht kannten, in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten, erfahren die Hospiz-Helfer erst jetzt.
Johanna Salva hat diese Erfahrungen schon gemacht: Im August wurde sie zu einem Sterbenden gerufen. Die erste Begegnung sei schwierig gewesen, erzählt sie – auf beiden Seiten war die Unsicherheit noch groß. Am nächsten Tag blieb sie schon eine Stunde länger, dann noch eine. Aus Unbehagen wurde Zutrauen. Über weitere Einzelheiten will Salva aber gar nicht sprechen. „Sterben und Tod“, erklärt Gronewold, „ist ja so ziemlich das Intimste, was mit Menschen geschieht.“ Deshalb ist es selbstverständlich, dass die Sterbebegleiter – wie Ärzte – sich zum Schweigen über die privaten Umstände ihrer Einsätze verpflichten.
Es sind aber nicht nur die Sterbenden, die die Hilfe der Frauen und Männer vom Begleitungskreis brauchen. Oft ist viel mehr Zuwendung für die Angehörigen erforderlich. Der nahende Tod eines vertrauten Menschen überfordert viele Familien – sie wissen nicht, was sie tun, vor allem nicht, was sie sagen sollen. Die Sterbebegleiter versuchen, den Angehörigen das Gefühl der Hilf- und Ratlosigkeit zu nehmen. Indem sie ihnen vermitteln: Alles ist erlaubt, niemand kann Partnern, Kindern, Verwandten oder Freunden von Sterbenden vorschreiben, wie sie sich in dieser Situation zu verhalten haben.
Auch die Helfer vom Hospizverein geben keine Richtungen vor, sondern lassen geschehen und sind einfach da. „Man muss gar nicht viel sagen“, so Christine Bahr, „wichtig ist, sich mit dem Herzen auszudrücken.“ Und irgendwann öffnen sich auf der anderen Seite die Herzen. Heinz Gronewold hat schon stundenlang neben einem Sterbenden gesessen, ohne dass ein Wort gesprochen wurde – „und plötzlich hat er sich geöffnet und ganz intensiv erzählt“. Das sind Momente, die auch den erfahrenen Sterbebegleiter ganz tief berühren.
Wer so sehr mit Herz und Seele dabei ist, wenn andere Menschen ihren letzten Weg gehen, braucht selber festen Halt. Den geben sich die Sterbebegleiter gegenseitig: bei ihren monatlichen Treffen und bei Telefonaten miteinander. „Manchmal“, sagt Christine Bahr, „braucht man ganz viele Telefongespräche.“
