GANDERKESEE - Die Zinsen für Sparkonten wurden individuell per Hand ausgerechnet, das Datum der Stempel musste jeden Tag eingestellt werden: 1942, als Elfriede Sotta ihre Lehre zum Bankkaufmann bei der Spar- und Darlehenskasse in Ganderkesee begann, waren die Arbeitsbedingungen – nicht nur wegen des Krieges – völlig anders als heute.
„Als Stift musste ich die Firmenpost zu den Kunden bringen. Gearbeitet wurde an sechs Tagen die Woche“, erinnert sich die 84-Jährige, deren Ausbildungszeit um ein halbes Jahr verkürzt wurde, damit sie die Leitung einer Filiale in Hasbergen übernehmen konnte. „Additionsmaschinen durften wir Lehrlinge damals nicht benutzen. Deshalb waren wir im Kopfrechnen unglaublich schnell.“ Für jeden Kunden hatte die Bank damals ein Kontoblatt angelegt, dessen Inhalt in das (im Besitz des Kunden befindliche) Gegenbuch zu übertragen war. „Das musste oft einer der Lehrlinge machen.“
Als Elfriede Sotta ihre Banklehre begann, hatte das Geldinstitut bereits zwei Weltkriege (fast) überstanden. Die Spar- und Darlehenskasse war am 8. Oktober 1899 von 13 Ganderkeseern gegründet worden. Folglich kann sie jetzt ihren 111. Geburtstag feiern – ein in der Faschings-Hochburg Ganderkesee geradezu denkwürdiges Datum.
Durch die Eisenbahnlinien Bremen-Oldenburg und Delmenhorst-Wildeshausen war Ende des 19. Jahrhunderts wirtschaftliche Dynamik in die Region gekommen. Und so wurden nicht nur in Ganderkesee, sondern auch in Falkenburg, Hude, Wüsting und Tweelbäke Genossenschaftsbanken gegründet.
In Ganderkesee führte die Spar- und Darlehenskasse 1910 den Scheckverkehr ein, 1965 folgte die Umstellung der Abrechnung auf Lochkarten, die erstmals zentral ausgewertet wurden.
Zweieinhalb Jahrzehnte danach begann die Ära der Fusionen: 1991 schlossen sich die Raiffeisenbanken Ganderkesee und Falkenburg zur Raiffeisen-Bank Ganderkesee eG zusammen. Ein Jahr zuvor war bereits die Fusion der Volksbank Hude und der Raiffeisenbank Tweelbäke erfolgt. Die neue Volksbank Hude eG ging dann 1996 mit der Raiffeisenbank Wüsting zusammen. 1998 schließlich entschieden sich die Vertreter der Volksbank Hude und der Raiffeisen-Bank Ganderkesee, künftig gemeinsame Wege zu gehen. Inzwischen gibt es sechs Filialen und zwei SB-Center.
Dass eine Volksbank vor Ort heute genauso wichtig ist wie vor 111 Jahren, davon ist der Prokurist der Volksbank Ganderkesee-Hude, Ralf Spille, felsenfest überzeugt. „Wir vermitteln den Kunden Nähe und Vertrauen“, konstatiert Spille. Dies sei in einer Zeit, in der vielen Menschen die global agierenden Banken zu weit weg und zu unsicher erscheinen, besonders wichtig. Auch als lokale und unabhängige Bank, die ein Interesse daran habe, dass sich die hiesige Region weiter entwickelt, müsse das Unternehmen gleichwohl Internetbanking sowie Auslands- und Wertpapiergeschäft anbieten. Dies sei im genossenschaftlichen Verbund aber sehr gut möglich.
Gefeiert wird das 111-jährige Bestehen am Dienstag, 5. Oktober. Zwischen 15 und 18 Uhr gibt es in den Filialen Ganderkesee, Hude, Wüsting, Tweelbäke, Adelheide und Delmenhorst verschiedene Aktionen.
