Ermke - Es ist Freitagabend, 20 Uhr. Agnes Möller wirbelt nur so durch den Gasthof „Zur Ecke“ in Ermke. Auch heute, zu Silvester, wird die Wirtin wieder die Tür zu ihrer Kneipe öffnen und für ihre Gäste mit Herzblut hinterm Tresen stehen – so wie sie es immer tut, und das mit 74 Jahren.
Sie und die Gaststätte sind eine echte Institution und das sogar über die Dorfgrenzen hinaus. Kein Wunder also, dass es nicht nur die alteingesessenen Ermker in die gemütliche und gut besuchte Kneipe an der Ecke Hauptstraße/Ringstraße zieht, sondern auch Kundschaft aus Molbergen und Umgebung. „Darüber freu ich mich sehr“, sagt Agnes Möller strahlend. Egal ob Jung oder Alt, Stammgast oder neues Gesicht – die Wirtin heißt alle mit ihrer herzlichen Art willkommen.
Startschuss 1931
Seit 85 Jahren gibt es die Kneipe nun schon. Im Jahr 1931 eröffnete Anton Möller die Gaststätte sowie die dazugehörige Schlachterei, die bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges existierte. Nach dem Krieg 1945 wurde eine Viehwaage hinter dem Gebäude aufgestellt, auf der die Landwirte nun auch noch ihre Schweine wiegen konnten. Erst 2010 wich die Waage einer Garage. Ab 1957 floss neben Getränken dann auch Benzin – bis 1975 betrieb die Familie zusätzlich die Tankstelle. Agnes Möller heiratete 1966 in die Familie ein und arbeitet seitdem in der familieneigenen Gaststätte mit. Erst mit ihren Schwiegereltern zusammen, dann ab 1990 mit ihrem Mann. Seit 1997 schmeißt sie den Laden allein.
Montag und Donnerstag ist übrigens Ruhetag, ansonsten hat die 74-Jährige immer geöffnet – auch an Feiertagen. So gehört der Frühschoppen am 1. Weihnachtstag genauso dazu, wie das Maibaum- und Pfingstbaumaufstellen oder auch die wöchentlichen Stammtische. „Alte Traditionen werden in Ermke hochgehalten“, sagt sie. Und auch über Silvester läuft der ganz normale Betrieb. „Dann werden hier vor der Tür wieder ordentlich Raketen und Böller gezündet.“
Wettbuch und Bierdeckel
Eine weitere Tradition hat das Wettbuch, das Agnes Möller sorgsam in einer Schublade hinter dem Tresen aufbewahrt. Hier sind lustige, aber auch skurrile Wetten zwischen den Gästen vermerkt, die die Wirtin als „Zeugin“ mit unterschrieben hat bzw. noch heute unterschreibt. Die erste Wette geht auf das Jahr 1987 zurück. Einige von den alten Wettscheinen sind übrigens heute immer noch offen. „Geld gehört aber nicht zu den Wetteinsätzen“, betont die 74-Jährige. Die Wettschuld werde vielmehr durch besondere Aufgaben oder Getränke eingelöst. „Einer hatte als Einsatz mal angegeben, zu Fuß nach Lindern laufen zu wollen.“ Nun ja, dieser Wetteinsatz wurde sogar tatsächlich eingelöst.
Zwischen den alten Wetten verbirgt sich auch ein kurioser Schatz. Auf besonders kreative Art und Weise verschickte 1981 ein Stammgast mal seine Urlaubsgrüße aus Süddeutschland. Ein Bierdeckel wurde kurzerhand mit einer Briefmarke versehen, als Postkarte umfunktioniert und an sie und ihren Mann adressiert. „So etwas habe ich vorher nicht gesehen“, schmunzelt die 74-Jährige.
Und wie war für Agnes Möller das Jahr 2016? „Es war ein gutes Jahr. Ich hoffe, es geht so weiter. Ich freu mich besonders, dass meine Enkeltochter in diesem Jahr ihr Studium beendet und mein Enkelsohn seine Ausbildung begonnen hat“, sagt sie stolz. Vorsätze für das kommende Jahr hat sie keine. „Ich hoffe es bleibt alles so wie es ist. Ich wünsche mir, dass meine Familie und ich gesund bleiben und es allen weiterhin gut geht.“ Wenn das so komme, sei sie zufrieden.
