Oldenburg/Hude - Der Reiterweg ist abgesperrt, bewacht von einem Schild in Rotweiß („Geflügelpest Sperrbezirk“) und von einem Mann in Schwarz, „Security“ steht auf seiner Jacke. „Keine Fotos!“, warnt der Mann.
Was könnten Fotos zeigen? Männer in neongrellen Schutzanzügen. Brummende Generatoren vor einem Putenstall, der gerade mit Kohlendioxid befüllt wird. Ein Containerfahrzeug mit Cloppenburger Kennzeichen, das gleich die nächste Ladung toter Puten aufnehmen wird.
Die Vogelgrippe, landläufig auch Geflügelpest genannt, hat Hude erreicht; 22 300 Puten werden aktuell getötet.
Am zweiten Weihnachtstag war dem Landwirt aufgefallen, dass in seinem Betrieb vermehrt Tiere starben. In einem solchen Fall geht es danach zumeist sehr schnell: Hoftierarzt und Amtstierarzt nehmen Proben, das Laves in Oldenburg (ein Landesamt) und das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Ostsee-Insel Riems (eine Bundesbehörde) untersuchen. Bereits am nächsten Tag stand im Fall des Huder Landwirts fest: Der gefährliche Erreger H5N8 ist die Ursache für das Putensterben in seinem Stall.
Der Landkreis Oldenburg stellt dem Landwirt daraufhin eine sogenannte Tötungsanordnung zu. Fachleute sprechen von einer „Bestandsräumung“.
Die „Bestandsräumung“ ist hier in der Region normalerweise Sache der Gesevo GmbH, der Gesellschaft für Seuchenvorsorge. Die Gesevo, zu deren Gesellschafter unter anderen die Kreislandvolkverbände Cloppenburg, Oldenburg und Vechta sowie der Landesverband der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW) gehören, arbeitet wiederum mit Fachfirmen wie der Anicon Vorsorge GmbH aus Höltinghausen zusammen. Diese Firmen haben die nötige Ausrüstung und auch das Personal – Männer in neongrellen Schutzanzügen und schwarzen „Security“-Jacken.
Die Fachfirma sperrt erstens das Gehöft gegen „unerwünschten Zutritt“ ab, wie Gesevo-Geschäftsführer Dr. Thomas große Beilage erklärt. Zweitens baut sie ein Schleusen-System für ihr eigenes Personal auf: Aus dem „schwarzen“ Bereich (= kontaminiert, verseucht) gelangt nur in den „weißen“ Bereich (= sauber, gesund), wer komplett neu eingekleidet und geduscht ist. Eine Schleuse gibt es, drittens, dann auch für alle Fahrzeuge: Kein Wagen verlässt den Hof, ohne zuvor gereinigt und desinfiziert worden zu sein.
Viertens: Die Tiere werden mit Kohlendioxid vergast.
Fünftens: Mist und Futterreste werden aus dem Stall geräumt und abtransportiert.
Sechstens: Der Stall wird gereinigt und desinfiziert.
Siebtens: Die Fachfirma reinigt und desinfiziert ihre Ausrüstung. „Das dauert genauso lange wie der Einsatz selber“, sagt große Beilage.
„Das tut keiner gern“, sagt Thomas große Beilage, „aber es ist eine wichtige Arbeit.“
Fahrer der Oldenburger Fleischmehlfabrik Kampe (OFK) holen die toten Tiere in speziellen Containerzügen ab. Der Fahrer hat die strikte Anweisung, am betroffenen Hof nicht auszusteigen, sagt OFK-Geschäftsführer Thomas Groß. Wenn sein Fahrzeug beladen, mit einer Plane verschlossen und in der Schleuse gereinigt wurde, fährt er die Kadaver nach Kampe – mit einem „Gefahrgut“-Warnschild am Wagen und auf einer von den Behörden vorgegebenen Route (das heißt: mit möglichst viel Abstand zu anderen Geflügelställen).
In Kampe fährt der Zug durch eine Schleuse in einen speziellen Annahmebunker. Ein sogenannter Entlader im Schutzanzug entriegelt die Containerklappe und kippt die Ladung aus. Das Fahrzeug wird gereinigt, die Kadaver werden gekocht: 20 Minuten bei 133 Grad Celsius und und einem Druck von 3 bar. Der Erreger wird so vernichtet, die Kadaver werden wie alle anderen Tierkörper weiterverarbeitet: zu Fett und Mehl. Das Fett kann später Biodiesel zugemischt werden, das Mehl geht in die Zementindustrie.
Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat den Weg der aktuellen H5N8-Viren akribisch nachgezeichnet. Erstmals fanden Wissenschaftler den Erreger demnach im Sommer 2016 bei Wildvögeln im russisch-mongolischen Grenzgebiet. Anfang November berichteten Zeitungen dann über einen Ausbruch in Ungarn, und nur wenige Tage später gab es die ersten Nachweise in Deutschland, zunächst in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg. Das FLI geht davon aus, dass der Erreger von Wildvögeln quer durch Europa getragen wurde – nicht von einzelnen Tieren, sondern in einer Infektionskette. Die FLI-Forscher sprechen von einer „staffettenartigen Ausbreitung“.
Auch in Deutschland erkrankten zunächst Wildvögel wie Reiherenten, Saatgänse und Möwen. Mitte November fand sich H5N8 dann erstmals in einem Nutzgeflügelstall in Schleswig-Holstein; 30 000 Tiere mussten sterben.
Die FLI-Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Erreger von Wildvögeln auf Nutztiere übertragen wird – allerdings auf indirektem Weg. Die Tiere können das Virus mit Kot oder Nasensekreten ausscheiden und so Gewässer und Landflächen kontaminieren. Menschen und Fahrzeuge, die diese Flächen betreten oder befahren, können das Virus anschließend weiterverbreiten. Ganz genau weiß derzeit aber niemand, wie der Erreger in die Ställe gelangt.
Frank Beumker, Sprecher des Landkreises Cloppenburg, weist darauf hin, dass bislang in erster Linie Putenställe betroffen seien. Dort gebe es ein offenes Jalousiensystem, durch das Fremdstoffe von draußen nach drinnen geweht werden könnten.
Zudem zeigen Luftbilder, dass es in der Nähe aller bisher betroffenen Ställe in Barßel, Garrel (beide Landkreis Cloppenburg), Damme (Landkreis Vechta), Dötlingen und Hude (beide Landkreis Oldenburg) Wasserflächen gibt sowie abgeerntete Felder, auf denen Wildvögel rasten.
Allerdings: Weder im Landkreis Cloppenburg, noch in Landkreisen Vechta oder Damme hatte man es nach Auskunft der dortigen Veterinärämter zuvor mit einen nachgewiesenen H5N8-Fall bei einem Wildvogel zu tun.
Die Tierseuchenkasse in Hannover ersetzt dem Landwirt den „Tierwert zur Zeit der Tötung“, erklärt der stellvertretende Leiter Dr. Heinz-Josef Dieckhoff. Das bedeutet: Wenn der Landwirt für einen schlachtreifen Putenhahn 20 Euro bekommen hätte, zahlt ihm die Kasse 10 Euro, sollte die Vogelgrippe auf halbem Weg zur Endmast auftreten.
Die Kasse erstattet auch die Kosten für die Tötung der Tiere, und sie zahlt eine Beihilfe für die Reinigung und Desinfektion der Ställe.
Die Tierseuchenkasse wird von den Tierhaltern selbst per Beitragszahlung gefüllt. Aber die Vogelgrippe kostet auch den Steuerzahler Geld: 50 Prozent der Entschädigungskosten trägt das Land. Auch die EU übernimmt – verspätet und „nach so einigen Hürden“ (Dieckhoff) – bis zu 50 Prozent der Kosten. Das EU-Geld teilen sich dann Land und Seuchenkasse.
Hartnäckig hält sich die Vermutung, dass nicht Wildvögel die Nutztiere ansteckten, sondern dass der Weg andersherum verlaufe: dass der Erreger seinen Ursprung in der Massentierhaltung habe. Das Loeffler-Institut weist das zurück; es sei „wissenschaftlich gesichert, dass Wildvögel ein natürliches Reservoir für Influenzaviren darstellen und sie verbreiten“.
Ebenfalls weist das FLI den Verdacht zurück, das Virus sei über den Handel mit asiatischen Ländern nach Europa gelangt. Auch Hinweise auf kontaminiertes Futter hätten sich „trotz intensiver und systematischer Nachforschungen“ nie ergeben.
Einen ganz anderen Verdacht äußert NWZ -Leser Dieter V. Er wundert sich, dass die Vogelgrippe „immer zur Adventszeit“ ausbricht, und er fragt: Könne es vielleicht sein, dass mit der Seuche Geschäfte gemacht würden und Tierhalter sich „die nicht als Weihnachtsbraten abgeflossenen Bestände von der Tierseuchenkasse bezahlen“ lassen?
Bei der Tierseuchenkasse hält man das für abwegig, vor allem mit Blick auf den amtlich verordneten Leerstand des Stalles nach der „Bestandsräumung“: „Der Landwirt ist ja quasi arbeitslos“, sagt Heinz-Josef Dieckhoff.
