Oldenburg/Hannover/Berlin - Rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig, darunter knapp sechs Prozent adipös. Hinter diesen Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sieht das Bundesernährungsministerium unter anderem eine Ursache: an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel. Ein Gesetz soll dem jetzt Einhalt gebieten. Während Gesundheits- und Verbraucherverbände die Pläne begrüßen, warnt die Industrie vor Entmündigung. Wie urteilen Akteure im Nordwesten?
Özdemirs Pläne
Ernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) will an unter 14-Jährige adressierte Werbung für Lebensmittel mit viel Zucker, Fett oder Salz weitgehend verbieten. Er orientiert sich dafür am Nährwertprofil der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dem Gesetzentwurf zufolge dürfte zwischen 6 und 23 Uhr etwa nicht mehr für Müslis oder Joghurts geworben werden, die mehr als 12,5 Gramm Zucker pro 100 Gramm enthalten – weder im Fernsehen, Radio oder Internet, noch gedruckt oder im Umkreis von Schulen und Kindergärten. Laut einer Ministeriumssprecherin wird das im Februar vorgestellte Papier noch in der Regierung abgestimmt. Es folgen Beratung und Beschluss im Bundestag, auch die Länder müssen zustimmen.
Grundlage ist ein Passus im Koalitionsvertrag. Wobei die Pläne weiter gehen: Nicht nur Formate explizit für Kinder sind einbezogen, sondern alle, die potenziell von Kindern wahrgenommen werden können. Bereits jetzt ist irreführende und unwahre Werbung verboten, Werbung muss als solche gekennzeichnet sein – und es gibt Selbstverpflichtungen der Werbebranche, etwa werden ungesunde Lebensmittel nicht als Teil einer ausgewogenen Ernährung bezeichnet.
Die Kinderärztin
Als „sehr sinnvoll“ bewertet Verena Wessel das Vorhaben. Die Oldenburger Kinder- und Jugendärztin und Obfrau im Kinderärzteverband BVKJ geht davon aus, dass Lebensmittelwerbung Kinder unbewusst beeinflusst. „Es gibt auch ganz aggressive Kind-bezogene Werbung im Nachmittagsfernsehen.“ Es sei „auf jeden Fall sinnvoll“, als ungesund eingestufte Produkte „nicht mehr in dem Maße und mit einem Fokus auf Kinder zu bewerben“.
Wessel schlägt vor, stattdessen andere Produkte in den Fokus zu rücken: „Ich sehe kaum Werbung für gesunde Lebensmittel wie Obst – das könnte auch ein Anreiz sein.“ Dass Kinder von sich aus kritisch konsumieren und Werbung einordnen, glaubt die Ärztin hingegen nicht: Gerade Jüngere seien „oft abhängig von dem, was ihnen präsentiert wird“.
Die Krankenkasse
Die geplante Werberegulierung ist laut Dr. Jürgen Peter, Vorstandsvorsitzender der AOK Niedersachsen, „bei der Komplexität des Themas einer der Bausteine“, um die Kindergesundheit zu stärken. Weitere seien Alltagsbewegung und Sport sowie ein gesundes Essensangebot in Kitas und Schulen. Der AOK-Familienstudie 2022 zufolge wünschen sich 85 Prozent der Befragten mehr Orientierung beim Einkaufen: Lebensmittel sollten als (un-)gesund gekennzeichnet sein.
Der Branchenverband
In Bewegungsförderung und Ernährungsbildung sieht auch die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) zielführende Maßnahmen gegen Übergewicht bei Kindern. In seiner Kampagne „Lieber mündig“ positioniert sich der Verband aber gegen Werbeverbote: Für deren Wirksamkeit fehlten Belege, heißt es. Ein Gutachten zeige zudem, dass Özdemirs Pläne in der jetzigen Form „verfassungswidrig“ seien, so BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff.
Das Ernährungsministerium argumentiert, dass Selbstverpflichtungen der Branchen nicht ausreichen würden. Plant die BVE deshalb weitere Selbstverpflichtungen? Nein, sagt Minhoff, denn man gehe davon aus, dass gesetzliche Regelungen – in welcher Form auch immer – nun kommen werden. Wie sich diese auswirken, hängt auch davon ab, in welchem Maße (un-)gesunde Produkte überhaupt hergestellt werden. Nach Eigenregulierung bei der Produktion gefragt, verweist Minhoff auf fett- und/oder zuckerreduzierte Produkte, die es „schon seit Jahren“ gebe neben „klassischen Varianten“. Die Hersteller prüften, wo eine Reduktion „technologisch und geschmacklich noch machbar ist und passen Rezepturen entsprechend an“.
