Wildeshausen - „Teeren, federn, aufs Rad spannen und ab in die Hunte.“
Für seine traditionelle Hinrichtung muss der Angeklagte tief in die Tasche greifen: „3000 Euro kostet die Edelbeerdigung“, verkündet der Richter Dr. Kay Dannhorn, lässt Hammer und Lachsalven niedersauen, nimmt einen kräftigen Schluck Gerstensaft und ordnet fürs Erste ein Strafgeld von 20 Euro an. Dass er der amüsierten Gattin des Verurteilten Detlef Zalewski keine Vergnügungssteuer berechnet, ist grenzenlosem Gerechtigkeitssinn und hochrichterlicher Gnade zuzuschreiben.
Außerdem standen scharenweise mutmaßliche Verbrecher am Dienstagnachmittag bereits Schlange vor dem hohen Gericht. So ertappte die Wachkompanie einen Teetrinker, der neben sofortigem Schnapsverzehr zu einer Geldbuße von 30 Euro verurteilt wurde und ein leicht bekleideter „Schweiß-Phobiker“ wurde des offenen Fracks überführt. Letzterer nahm enttäuscht seine Begnadigung auf: „Kein Todesurteil?“ Nein: 20 Euro Strafe. „Die Bußgelder versaufen wir“, sagte Gerichtspräsident Heinrich Boning auf Nachfrage der NWZ . Früher hätten die Verurteilten das sogar von der Steuer absetzen können.
Eines besonders schweren Vergehens wurde eine junge Frau bezichtigt: „Aktives Herumlungern und umgarnen eines Gildebruders“ lautete die Anklage gegenüber der jugendlichen Blondine. Zuschauende Meute und richterliche Hochwürden schrien nach einer harten Bestrafung. Ohne zu fackeln, vermählte Gerichtspräsident Boning das vermeintliche Liebesglück an Ort und Stelle: Robin und Lina wurden mit Schnaps getauft und mit freistaatlichem Eheurteil gesegnet. „Sagt: jawohl ich will, und ihr habt drei tolle Tage“, sprach Heinrich Boning feierlich, forderte 300 Euro für die Gildekasse und entließ die frisch Vermählten mit einem herzlichen: „Gehet hin und vermehret euch.“
Ein paar Blicke ins Dekolleté einer Angeklagten und ins Glas später, entsann sich der oberste Richter seiner tiefverwurzelten Tradition: „Das war schon immer alles so“, sagte er stolz, legte eine bedächtige Pause ein und erklärte: „seit 1400 – wann auch immer“. Statt geteert und gefedert wurde Heinrich Boning rechtskräftig bejubelt.
