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„Gewisse moralische Eindimensionalität“

Betr.:

Leserbrief „Kinder zu Hause am besten aufgehoben“ (NWZ vom 26. Mai) über das Thema Kinderkrippe:

Egal, wie man inhaltlich zu einer Krippe steht, es ist schwer nachzuvollziehen, wie Familie Hobbie zu einer derartigen Argumentationskette kommt. Appellativ die Verunsicherung bezüglich erzieherischer Fähigkeiten der Eltern zu rügen und im gleichen Satz die Bedingungen für eine gelungene Erziehung festzulegen, zeugt von einer gewissen moralischen Eindimensionalität.

Natürlich ist es wichtig, dass Kinder in ihrem Elternhaus die „verdiente Geborgenheit und Zuwendung“ erhalten. Daraus aber den Schluss zu ziehen, dass außerfamiliäre Sozialisationsmöglichkeiten (z. B. Kindergarten, Krippe) lediglich die zweite Wahl sind – und eigentlich nur akzeptabel, wenn die Erwerbstätigkeit Alleinerziehender der Grund ist – verkennt meiner Meinung nach die Bedeutung solcher Einrichtungen für die Entwicklung von Sozialkompetenzen. Damit werden Grundbedingungen, nicht nur für das Arbeiten in Gruppen, geschaffen, sondern basale Fähigkeiten zum Umgang miteinander in allen Lebensbereichen. Die Auseinandersetzung, Kompromissfähigkeit, Entwicklung von Lösungsstrategien, Aushalten von Frustrationen etc. sind nur teilweise in der Herkunftsfamilie möglich.

Das alles, quasi als Monopolist, vermitteln zu können, unterliegt einer realitätsfernen Allmachtfantasie. In dieser Konstellation ist die Aufmerksamkeit für den Einzelnen höher und die Verquickung mit emotionalen Bedingungen des Familiensystems immanent – nicht gerade Bedingungen, mit denen wir Menschen für den Rest unseres Lebens in der „freien Wildbahn“ konfrontiert werden.

Meine Erfahrungen mit unseren Kindern – und meine beruflichen Erfahrungen im Umgang mit Jugendlichen und Erwachsenen – sind eher ein eindeutiges Signal für die Notwendigkeit solcher Einrichtungen. Glücklicherweise haben unsere Kinder solche „Grundfertigkeiten“ im Kindergarten mindestens flankierend zu unserer heimischen Erziehung vermittelt bekommen.

Vielmehr halte ich die Ausschließlichkeit eines Ansatzes (Familie oder Kindergarten) für wenig geeignet, umfangreiche und verschiedenartige Anreize für das Leben zu bekommen. Nebenbei glaube ich, dass diese sehr moralische Argumentation, „dass Eltern die natürlicherweise auftretenden Einschränkungen durch ihre Kinder nicht akzeptieren“ würden, polarisiert und nicht hilfreich für die Akzeptanz unterschiedlicher Lebens- und Erziehungsmodelle ist.

Michael Koletzki

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