Oldenburg - Es wuchert, es wächst rücksichtslos – und es macht Arbeit, dieses undefinierbare Grünzeug, breitet sich ohne zu fragen in unseren Gärten aus wie ein lästiger Gast, der nicht weiß, wann er zu gehen hat. Gartenliebhaber geben den Kampf nicht auf, und sie knien in der Erde, krabbeln unter die Büsche, um auch den kürzesten Stängel und das dünnste Blatt zu erwischen. Ja, weiß das Unkraut denn nicht, dass es unerwünscht ist?

Nun wehren sich Löwenzahn, Brennnessel und Giersch und räumen mit Vorurteilen auf. Am 28. März ist „Tag des Unkrauts“. Tatsächlich ist der Ruf schlechter als der Nutzen. Wildes Gewächs ist reichhaltig an Nährstoffen und Vitaminen.

Was ist nun Unkraut überhaupt? Das weiß Heilpraktikerin Tanja Michaela Meyer: „Unkraut ist sozusagen alles, was im Garten nicht selber gepflanzt ist.“ Eigentlich kenne sie gar kein Unkraut, denn es gäbe keine Pflanze, die keinen Nutzen oder Heilkraft hätte. „Wenn man ein Gewächs Unkraut nennt, zeigt sich dadurch die ganze Anmaßung des Menschen“, zitiert sie den Schriftsteller Edmond Rostand. Tatsächlich kann unserem Unkraut eine hohe Bedeutung beigemessen werden, denn unser Obst und Gemüse enthält immer weniger Vitamine und Mineralstoffe. Seit den 80er Jahren nehme der Nährstoffgehalt ab, so Meyer; die Pflanzen hätten weniger Zeit zu wachsen, und die Böden seien ausgelaugt.

Genau da setzt die Kraft der Wildkräuter ein – und die erntet Meyer gerne am Wegrand, denn hier wird der Boden „in Ruhe gelassen“, sagt sie. Er sei reich an Spurenelementen und Mineralien. Wildkräuter sollten allerdings nicht direkt an der Autobahn gesammelt werden. Meyer selbst geht am liebsten am See spazieren und verbindet das mit einer kleinen „Ernte“.

Trotzdem sollte niemand Pflanzen sammeln und essen, die er nicht kennt. „Man muss immer wissen, was man isst und die Kräuter kennenlernen“, sagt Meyer. Es gibt durchaus giftige Pflanzen wie zum Beispiel den Schierling.

Sie ist überzeugt: „Wildkräuter halten Wind und Wetter stand. Man nimmt Lebenskraft mit auf.“ Das beweist sie mit einem „Eisenkraft Shake“, der aus verschiedenen Kräutern gemixt wird, wie der Gundelrebe, der Brennnessel und dem Knopfkraut. Sie dreht den Shaker auf und füllt ihn mit allerlei Grün. „Knopfkraut ist eine Eisenbombe“, sagt sie energisch.

Damit das Getränk am Ende auch schön süß schmeckt, schneidet sie noch eine Banane hinein, außerdem ein großer Schuss Orangensaft. In Sekunden vermischen sich die Zutaten zu einem moosgrünen Cocktail. „Bitte sehr“, sagt sie und füllt den dickflüssigen Shake in ein großes Glas. Wenig appetitlich sieht das aus. Der erste Ekel ist aber vor allem der Ungewissheit geschuldet, was einen da wohl erwartet. Und schmecke da: Ein wenig Wald liegt auf der Zunge, etwas bitter ist es auch. Aber schon beim zweiten Schluck kann man das Getränk durchaus genießen. Gewöhnungsbedürftig – aber lecker. Dennoch kommt der Spruch „Unkraut vergeht nicht“ kaum von Ungefähr. Ausländische Pflanzen, die sich in neuen Gebieten ansiedeln, sogenannte Neophyten, können zu einem echten Problem werden für heimische Pflanzen oder für die Ackerwirtschaft. „Der Japanische Staudenknöterich beispielsweise. Der ist nicht tot zu kriegen, resistent gegen jedes Pflanzschutzmittel“, erläutert Meyer. Also soll das Unkraut im Garten bleiben? Meyer findet einen Kompromiss: „Man muss ja nicht alles wuchern lassen, aber man kann dem Wildkraut eine Ecke im Garten zuweisen.“ Auf diese Weise freut sie sich zum Beispiel immer wieder über Schachtelhalm im Beet. Auch Giersch wachse im Norden wie wild. „So gesehen ist dieses Wildkraut eine echte Spezialität“, sagt Meyer. Er sei äußerst vielseitig einsetzbar.


Meyer ist längst nicht mehr die einzige, die am Wegrand ihr „Unkraut“ pflückt. Das Bewusstsein hat sich verändert, da ist sie sich sicher. „Früher wussten nur wenige, dass man Brennnesseln essen kann.“ Ein Garten muss nicht perfekt oder „klinisch sauber“ sein, wie Meyer sagt. Die Schönheit in Wildkräutern zu sehen – daran erinnert am Montag der Ehrentag des Unkrauts. Und vielleicht finden dann auch die Außenseiter einen Platz im Garten.