Berlin - Trotz aller Fehler, Rückstände und Kosten ist die deutsche Wiedervereinigung nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ein politischer und wirtschaftlicher Erfolg. Zwar liege Ostdeutschland in vielen Bereichen wie Wirtschaftsleistung, Produktivität, Einkommen und insbesondere Vermögen auch 25 Jahre nach dem Mauerfall deutlich hinter Westdeutschland zurück, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher am Donnerstag in Berlin.

Die erreichte Annäherung der Wirtschafts- und Lebensverhältnisse sei aber eine große ökonomische Leistung: „Dass es nach 40 Jahren Planwirtschaft gelang, die ostdeutsche Wirtschaft neu zu erfinden und in relativ kurzer Zeit zu reindustrialisieren, ist in vielerlei Hinsicht erstaunlich“, sagte der Wirtschaftsforscher.

Eine völlige Gleichheit von Wirtschafts- und Lebensverhältnissen aller Regionen eines Landes ist nach Einschätzung der DIW-Experten unrealistisch und wird es nie geben. „Unterschiede bestehen zwischen Nord- und Süddeutschland wie zwischen dem Westen und Osten des Landes, ebenso wie in anderen Ländern, etwa Italien, Spanien oder Frankreich“, sagte Fratzscher.

Gravierende Unterschiede bestehen bei den Vermögensverhältnissen. Mit 67.400 Euro im Durchschnitt kommt ein ostdeutscher Haushalt nur auf 44 Prozent eines Durchschnittsvermögens im Westen mit rund 153.200 Euro. Auch beim Einkommen gibt es weiterhin Unterschiede. Im Schnitt erzielen Ostdeutsche etwa 83 Prozent des durchschnittlichen verfügbaren Einkommens der Westdeutschen.

Dabei rechnen die DIW-Experten nicht mit einer Angleichung der Löhne in den nächsten 20 Jahren. Mehr als leichte Anpassungen werde es nicht geben, prognostizierte der DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke. Insgesamt gebe es nur noch ein „schleichendes Aufholen“.


In anderen Bereichen wie der Kinderbetreuung, den Renten oder der Erwerbsbeteiligung von Frauen hat der Osten dagegen die Nase vorn. Bei der Erwerbsquote von Frauen liegt der Osten mit rund 75 Prozent vor dem Westen, wo sie auf mehr als 70 Prozent gestiegen ist. Auch arbeiten ostdeutsche Frauen in Teilzeit mit durchschnittlich fast 28 Wochenstunden deutlich mehr als westdeutsche. Die Befürchtungen, dass ostdeutsche Frauen ihre Erwerbstätigkeit auf das Niveau der westdeutschen Frauen reduzieren würden, hätten sich nicht realisiert, sagte Fratzscher.

Wegen dieser Arbeitsbiografien bekommen ostdeutsche Frauen im Alter auch mehr Rente als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen. Die Durchschnittsrente für Frauen im Westen lag 2013 bei 505 und im Osten bei 786 Euro. „Westdeutsche Frauen sind zwar häufiger erwerbstätig als früher, allerdings weiterhin in Beschäftigungsverhältnissen wie Teilzeit- oder Minijobs, die vergleichsweise geringe Rentenanwartschaften begründen“, sagte DIW-Rentenexpertin Anika Rasner zur Begründung.

Auch bei der Kinderbetreuung gibt es weiterhin Unterschiede, auch wenn der Westen in den vergangenen Jahren aufgeholt hat. Kinder unter drei Jahren werden im Osten immer noch deutlich häufiger in Kitas betreut als in Westdeutschland.

Die Anfang der 90er Jahre übertriebenen Erwartungen auf gleiche Lebensverhältnisse wirkten noch nach, sagte DIW-Präsident Fratzscher. Deshalb seien im Osten deutlich mehr Menschen unzufrieden mit ihrem Einkommen und ihrem Leben insgesamt. Andererseits sei die durchschnittliche Zufriedenheit in Ostdeutschland so hoch wie nie zuvor seit der Wiedervereinigung.