Kirchhatten - Vor zwei Jahren hat Ernst Steenken Schluss gemacht. Schluss mit dem Leben als Landwirt, wie es viele seiner Kollegen noch immer führen. Er hat seine 80 Milchkühe verkauft, einen Stall und die Maschinenhalle verpachtet. Der Kirchhatter hat sich bewusst gegen ein Weitermachen wie bisher entschieden.

Wie in einem Hamsterrad habe sich das angefühlt, erzählt er. Er hat jahrzehntelang wie andere seines Berufsstands in immer größere Ställe und modernere Technik investiert. Land dazu gepachtet. Immer wenn er dachte, jetzt haben wir’s geschafft, stellte es sich heraus, das Wachstum muss weitergehen. „Sonst schaffen sie es nicht bis zur Rente“, war eine typische Formulierung von Seiten der Berater von Banken und Landwirtschaftskammer. Am Ende ging es um eine Biogasanlage und Investitionssummen in Millionenhöhe, über die er und seine Frau Anja sich den Kopf zerbrachen.

Die ganze Existenz der Familie und der nächsten Generation auf eine Karte setzen? Die Steenkens haben sich dagegen entschieden. Ihr Land in Kirchhatten verpachten sie seitdem an einen anderen Landwirt. Wenn Steenken eher beiläufig erzählt, dass der Hof seiner Vorfahren zum ersten Mal im Jahr 1478 urkundlich erwähnt wurde, ahnt der Zuhörer: Die Entscheidung kann nicht leicht gefallen sein. Auch wenn der Aussteiger überzeugt ist, dass mit dem Wegfall der Milchquoten in 2015 der Druck auf seinen Berufsstand noch weiter steigen wird.

15 Mutterkühe und ein Schwein hat die Familie behalten, dazu das notwendige Grünland. „Mehr als Hobby“, wie Steenken selber lächelnd sagt. Heute leben er, seine Frau und die beiden Töchter dennoch nicht schlechter – im Gegenteil. Die Pachtpreise liegen hoch und Steenken hat vor allem viel mehr Zeit. Zeit für seine Familie, aber auch, um über Zusammenhänge nachzudenken und sich ehrenamtlich zu engagieren.

Der Kirchhatter ist überzeugt, dass nicht zuletzt der Umgang mit Pflanzenschutzmitteln die Menschen krank macht. Deshalb arbeitet der 49-Jährige weiter in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und in der Bürgerinitiative Gentechnikfreier Landkreis Oldenburg mit. Ehrenamtlich leitet er mit seiner Frau eine Einkaufsgemeinschaft für gentechnikfreies Futter. Anfangs hieß es von vielen Seiten: Das kann nicht funktionieren. Mittlerweile beziehen 25 Betriebe – aus den Kreisen Oldenburg, Ammerland und Ostfriesland – monatlich 400 Tonnen garantiert gentechnikfreien Raps, Mais, Roggen, Gerste etc. als Futtermittel. Mit positiven Folgen für die Tiere: Auch wenn es noch keine Studien bislang belegen, die Erfahrungen der beteiligten Viehhalter sprechen laut Steenken eine deutliche Sprache. Kühe, die das Kraftfutter über die Einkaufsgemeinschaft beziehen, sind auch ohne Chemie viel fruchtbarer als herkömmlich ernährte Artgenossen.


Völlig abgeschlossen mit der Landwirtschaft hat Steenken also nicht. Könnte er sich einen Wiedereinstieg eines Tages vorstellen? Nur wenn vieles anders werde, sagt er. Die Marktmacht der Handelskonzerne, das erzwungene Wachstum um jeden Preis, der gesundheitsschädliche Umgang mit der Natur – solange sich das nicht ändert, wird Ernst Steenken seinem ehemaligen Beruf nicht nachtrauern.

Werner Fademrecht
Werner Fademrecht Redaktion Hatten