GROß BERßEN - Wie eines der bekannten Steuerparadiese, etwa Monaco, Liechtenstein oder die Cayman Inseln, sieht Groß Berßen nicht gerade aus. Statt eines Jachthafens gibt es in dem 665-Seelen-Dorf im Emsland einen Dorfteich, statt Luxusgeschäften bloß einen einzigen Bäckerladen und statt eines Casinos lockt zur abendlichen Unterhaltung nur die Gaststätte „Zur singenden Wirtin“.
25 Quadratmeter Fläche
Und doch hat Groß Berßen kürzlich den Ruf einer Steueroase erworben, weil die kleine Ortschaft seit Anfang Dezember neuer Sitz der Hannoverschen Beteiligungsgesellschaft (HanBG) ist. Die landeseigene Gesellschaft hält Anteile an zahlreichen niedersächsischen Großunternehmen, u. a. an Europas größtem Autohersteller Volkswagen, am Stahlkonzern Salzgitter und der Deutschen Messe. Das Stammkapital von 316 Millionen Euro wird seit kurzem aus dem rot geklinkerten Dorfgemeinschaftshaus verwaltet, wo 25 Quadratmeter Bürofläche angemietet wurden.
Der Umzug aus der Landeshauptstadt ins Emsland habe rein wirtschaftliche Gründe, sagt Birgit Diers, Sprecherin des niedersächsischen Finanzministeriums. In Hannover liege der Gewerbesteuer-Hebesatz bei 460 Prozent, in Groß Berßen nur bei 270 Prozent. Dadurch lasse sich pro Jahr rund eine Million Euro sparen.
Bei der Landtags-Opposition stieß die Sparmaßnahme allerdings auf wenig Gegenliebe. Es sei ein „zweifelhaftes Gebaren“, wenn ausgerechnet Finanzminister Hartmut Möllring als „Steuerflüchtling“ auftrete, sagte etwa der Haushaltsexperte der Grünen, Hans-Jürgen Klein.
In Groß Berßen freut man sich dagegen über den Umzug. „Ich hätte es nach der ersten Anfrage vor einigen Wochen nicht für möglich gehalten, dass die HanBG tatsächlich ihren Sitz in unsere Gemeinde verlegt“, sagt der ehrenamtliche Bürgermeister Reinhard Kurlemann (CDU).
Am 2. Dezember hatte er Gewissheit: Corinna Kuhny, neue Geschäftsführerin der HanBG, rollte in ihrem brauen Kleinwagen Marke Mini über die Dorfstraße, die Hauptverkehrsader von Groß Berßen, heran. Gerade einmal zwei Umzugskartons hatte sie im Gepäck. Bürgermeister Kurlemann nahm sie vor dem Dorfgemeinschaftshaus, wo einst Viehfutter gehandelt wurde, in Empfang.
Links von dem Gebäude, vorbei am Weihnachtsbaum mit roten Schleifchen, führt ein gepflasterter Weg zu einem Nebeneingang. Dahinter verbergen sich ein Flur, sanitäre Einrichtungen und als Herzstück ein rund 15 Quadratmeter großes Büro. Ein Schreibtisch in Nierenform aus hellem Holz, eine Schrankwand, ein Schreibtischstuhl und zwei Besucherstühle warteten bereits darauf, genutzt zu werden.
Steuersätze nicht erhöht
Bürgermeister Kurlemann nimmt das plötzliche Interesse an seinem Ort schmunzelnd zur Kenntnis. Jetzt rentiere sich, dass die Steuersätze während seiner neunjährigen Amtszeit niemals erhöht wurden. Wie viel Geld dem 665-Seelen-Dorf der Samtgemeinde Sögel von der theoretischen Steuermillion am Ende bleibt, konnten weder Kurlemann noch der Erste Samtgemeinderat Hans Nowak sagen. „Das ist zu komplex. Aber wenn etwas bleibt, werden wir es für Groß Berßen und für die Schuldentilgung der Samtgemeinde nutzen“, sagte Nowak.
Eine Signalwirkung auf andere Unternehmen können sich aber weder er noch Kurlemann vorstellen. „Nicht alle können so unkompliziert umziehen wie die HanBG“, sagt der Bürgermeister. Außerdem fehle es an der Infrastruktur. Monaco, Liechtenstein und Co. können also aufatmen – fürs Erste.
