GROSSENSIEL - Jens Wohlkopf drückt das üppig sprießende Gras beiseite. Eine mit Moos bewachsene Stufe wird sichtbar. Dann zeigt er auf die meist von Pflanzen bedeckten Grundmauern. Drei rechteckig gesetzte Betonfundamente sind noch zu erkennen. Das seien die letzten Zeugnisse des Elends, das sich hier abgespielt habe, sagt der gebürtige Berliner.
Spurensuche in Großensiel. Unweit der Jugendherberge, zwischen Bahndamm und Hansingstraße gelegen, ist Jens Wohlkopf bei den Recherchen zur Chronik seines Heimatvereins Club Weserstrand, der 2013 das 150-jährige Bestehen feiert, auf die Überreste eines Arbeitslagers aus dem Dritten Reich gestoßen. Drei Baracken standen in der Nähe der Häuser am Bahnweg, die, so hat Jens Wohlkopf erfahren, im Jahr 1938 für Fremdarbeiter entstanden waren. Sein Onkel Hans Wohlkopf, Jahrgang 1927, habe mit den Tschechen, die Anfangs in den Baracken leben mussten, Obst gegen Briefmarken getauscht. Diese waren aus der vom Deutschen Reich im Jahr 1938 annektierten Tschechoslowakei dienstverpflichtet worden. Eine Zeitzeugin, die damals für das Lager gekocht hat, habe sich schon bei ihm gemeldet, fährt Jens Wohlkopf fort, der seit gut vier Jahren in Großensiel zu Hause ist.
Im Archiv des Rüstringer Heimatbundes hat Jens Wohlkopf mit Hilfe des Archivars Wolfgang Engelhardt einige wenige Dokumente gefunden. Die ausländischen Lagerinsassen mussten für die Reichsbahn arbeiten. In einem Bibliotheks-Band war von einem „Lager Großensiel“ die Rede. Wer die Baracken errichtete und für die Bewachung der Menschen zuständig war, ob die Geheime Staatspolizei oder die Wehrmacht, entzieht sich noch seiner Kenntnis. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 jedenfalls, spätestens nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 war es den Anwohnern nicht mehr möglich, mit den Insassen – Russen und auch Franzosen – Kontakt aufzunehmen.
Der Chronist möchte nicht locker lassen und mehr über das Lager erfahren. Das fällt ihm jedoch schwer. Denn Aufzeichnungen scheinen vernichtet worden zu sein. Das Lager sei geplant worden. Es gab doch einen Wasseranschluss. Wer erteilte die Genehmigungen? Der ESV Sportplatz in der Nähe war ein Schießplatz der SA. Auch darüber müssten doch noch Dokumente vorhanden sein, hofft Jens Wohlkopf, Jahrgang 1957. Nordenhamer Firmen müssen seiner Meinung nach die Insassen für kleinere Arbeiten angefordert, andere Kaufleute wiederum das Lager mit Lebensmitteln versorgt haben.
Mittlerweile wächst Gras über die Fundamente. Bereits Ende 1945 waren die Baracken verschwunden, so Jens Wohlkopf. Menschen hatten die Steine weggeschleppt und das Holz verfeuert. „Daran kann sich niemand mehr erinnern?“, fragt er.
Jens Wohlkopf fühlt sich nicht schuldig an dem Elend, das den Menschen zugefügt worden ist. Er möchte die Erinnerung daran jedoch wach halten als Waffe, damit sich so etwas Schreckliches nicht wiederholt. „Das gehört zu unseren Wurzeln, ob wir wollen oder nicht“, betont er.
Autor einer chronik sucht noch nach Zeitzeugen
