Hannover - Deutschlands Industrie sieht sich allen positiven Konjunkturprognosen zum Trotz an einem Scheideweg stehen. Der Trend zur digitalisierten Wirtschaft, die umstrittene Energiewende und der Mangel an Fachkräften stellen große Herausforderungen für die Zukunft dar, wie die Verbände der Industrie am Montag in Hannover zum Start ihrer Weltleitmesse übereinstimmend betonten. Zudem wächst die Sorge wegen der Krim-Krise.
Die nackten Zahlen stimmen zuversichtlich: „Die globale Wirtschaftstätigkeit wird weiter anziehen“, sagte der Präsident des Industriebranchenverbandes BDI, Ulrich Grillo. Gute Aussichten etwa für die Absatzmärkte USA und Japan stimmten ihn optimistisch. „Ein Exportzuwachs von fünf Prozent ist unsere Schätzung“, sagte Grillo und bekräftigte die BDI-Jahresprognose für ein Plus der bundesweiten Wirtschaftsleistung (BIP) „in einer Größenordnung von zwei Prozent“.
Auch die Maschinenbauer sind guter Dinge. Nach einem Dämpfer bei den Auftragseingängen in den ersten beiden Monaten (nur plus ein Prozent) hoffen sie auf spürbar mehr Orders in den nächsten Wochen. Der Branchenverband VDMA halte seine Wachstumsprognose fürs laufende Jahr und peile plus drei Prozent bei der Produktion an, die zeitversetzt aus dem Auftragseingang resultiere.
Unisono mahnte die Industrie mehr Transparenz, Sicherheit und Tempo bei der Energiewende an, die in politischen Reformen steckt. Grillo sagte: „Bedauerlich ist, dass die entscheidenden Schritte, die Kosten insgesamt zu stoppen, immer noch nicht absehbar sind.“ Die Entlastungen von der EEG-Umlage seien essenziell als Standortfaktor.
Einig waren sich BDI und VDMA beim Thema Krim-Krise. Sie warnten vor einer weiteren Eskalation mit Blick auf den „viertgrößten Markt für den Maschinenbau“, stärkten der Politik aber gleichzeitig den Rücken. „Es ist völlig klar, dass hier ein eklatanter Bruch des Völkerrechtes begangen wurde“, sagte VDMA-Präsident Reinhold Festge.
Kritische Töne gab es zur Wettbewerbsfähigkeit für den Erfolg von Morgen. So fürchtet der Technikverband VDE im Rennen um Spitzenforschung einen Rückfall. Er vertritt die Schlüsselbranchen Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik. So sorge sich die deutsche Hochschullandschaft, dass die Budgets für akademische Lehre und Forschung 2014 eher sinke und Förderung bestenfalls stagniere.
Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) attestiert Deutschland, Spitzenforschung zwar mit Bravour zu beherrschen. In den Unternehmen bei der ständigen Weiterbildung der Belegschaften hinke man aber hinterher.
Und der Elektronik-Branchenverband ZVEI sieht Nachholbedarf beim zentralen Zukunftsthema Software. „Wir wissen, dass die Amerikaner uns bei der technischen Software überlegen sind“, sagte der Präsident des ZVEI. Dabei erfasse die Digitalisierung die klassische Produktion rasant. „Es gilt, den traditionellen Kern der deutschen Industrie mit seiner international herausragenden Position zu verteidigen.“
Die Messe dauert bis Freitag. Am Montag unternahm Kanzlerin Angela Merkel ihren Eröffnungsrundgang.
