HAMBURG - In Hamburg läuft gerade das vielleicht interessanteste Projekt auf dem deutschen Biermarkt ab: Die Wiederbelebung der vor Jahren untergegangenen Marke „Ratsherrn“. Sie kommt wieder in den Handel – und bis 2011 wird eine eigene Produktion im Hamburger Schanzen-Höfen aufgebaut. Verantwortlich zeichnet ein Bier-Manager, der im Nordwesten bestens bekannt ist: Wolfgang Speth. Er war bis Juni Geschäftsführer beim Friesischen Brauhaus zu Jever.
Nun hat ihn die Getränkegruppe Nordmann aus Wildeshausen gewonnen. Der 44-Jährige ist Geschäftsführer der neu gegründeten Ratsherrn Brauerei GmbH (Hamburg).
Jetzt werde er zuweilen gefragt, ob das denn nicht eine Nummer zu klein sei, schmunzelte Speth im Gespräch mit dieser Zeitung. In der Tat gehe es zunächst nur um Zielwerte von einigen zehntausend Hektolitern pro Jahr – gegenüber 1,1 Millionen bei „Jever“. Doch der Reiz liege für ihn im Aufbau von etwas Neuem, und darin, mit seinen Erfahrungen in der Branche direkt etwas bewegen zu können, ungestört von komplexen Konzernstrukturen. Das sei eine „Riesen-Chance“.
Zudem kommt Speth seiner Familie nun wieder näher. „Nur noch 20 Minuten“ lägen zwischen dem Arbeitsplatz im Schanzen-Höfen und dem Eigenheim in Hamburg-Harburg, berichtet er.
Der Bier-Manager hatte seine Karriere 1990 bei Bavaria in Hamburg begonnen und war dann mehrmals umgezogen – ohne Familie. 1995 ging er nach Mönchengladbach zu Carlsberg, 2001 wechselte er nach Dortmund zu Brau und Brunnen und 2005 schließlich nach Jever, das in der Radeberger-Gruppe (Oetker) aufgegangen war.
Die folgende Phase in Friesland behalte er als „wunderschöne Zeit“ in Erinnerung, versichert Speth. Leider habe er angesichts der zahlreichen Marken, die er neben Jever als verantwortlicher Vertriebsdirektor betreute, gar nicht immer so viel Zeit für das Friesisch-Herbe gehabt, wie es die Marke eigentlich verdient gehabt hätte, meint er im Rückblick. Für ihn werde Jever-Pils „immer die beste nationale Biermarke bleiben“.
Aber die schönste Regionalmarke sei natürlich ab sofort „Ratsherrn“. Ihr Marktgebiet sei die „Metropolregion Hamburg“. Initiator Oliver Nordmann hatte sich die Marke gesichert, weil er überzeugt war, „dass Hamburg ein eigenes Bier braucht“. Und der Wildeshauser Getränke-Unternehmer hat besondere Ansprüche: Naturbelassenes Braugetreide, Rohstoffe aus ökologischem Landbau. Das Bier soll „durch und durch naturbelassen sein, unfiltriert und naturtrüb“.
Dieses Produkt will das bisher gerade einmal sechsköpfige Team von Speth ab August 2011 in einem eigenen Braubetrieb in den Schanzen-Höfen selbst produzieren. Bis es so weit ist, wird Ratsherrn nach eigener Rezeptur in Flensburg gebraut. Eine zweite Variante kommt aus Stralsund, wo die Nordmann-Gruppe eine Brauerei betreibt.
In den Schanzen-Höfen werde – Baubeginn noch im September – eine Art „gläserne Braumanufaktur“ entstehen, eine richtige Brauerei, die bei Vollauslastung 50 000 Hektoliter liefern kann, schwärmt Wolfgang Speth, der ein Büro im Haus Lagerstraße 30a bezogen hat. Zehn Millionen Euro werden in den früheren Viehhallen des Schlachthofes investiert – übrigens in Nachbarschaft zum Restaurant „Bullerei“ von Starkoch Tim Mälzer.
In der Braustätte sollen die Gäste ab 2011 nicht nur konsumieren. Sie können sich auch informieren, schwebt Speth vor. Die Brauerei sei gläsern, man könne den Brauern zuschauen. Zugleich werde eine Ausstellung zur Geschichte des Bieres in Hamburg eingerichtet.
Dort habe es mal 450 Brauereien gegeben. Und die Branche sei phasenweise wohl sogar wichtiger gewesen als die Schifffahrt.
