Oldenburg - Mehr als 45 Prozent der Handwerksbetriebe im Oldenburger Land – und damit fast jeder zweite – haben zurzeit mindestens eine offene Stelle für Fach- oder Hilfskräfte, hat die jüngste Konjunkturumfrage der Handwerkskammer (HWK) Oldenburg ergeben. Grund genug für die Kammer, Fachkräftesicherung zum Hauptthema der Vollversammlung am Donnerstag in Oldenburg zu machen. „Die Sicherung des Fachkräftebedarfs ist eine Grundvoraussetzung für den Wirtschaftsstandort“, sagte HWK-Präsident Eckhard Stein.
Berufsorientierung ab Klasse 7
2,6 Millionen junge Menschen in Deutschland hätten keinen Berufsabschluss. „Das können wir uns nicht leisten“, sagte Stein. Ein zentrales Problem bestehe darin, dass viele Jugendliche ihre Chancen nicht richtig kennenlernen würden. „Berufsorientierung ist der Schlüssel zum Erfolg“, meinte HWK-Hauptgeschäftsführer Heiko Henke. Die Bundesregierung und die Landesregierungen müssten der beruflichen Bildung eine höhere Wertigkeit einräumen und entsprechende bildungspolitische Maßnahmen ergreifen. Notwendig sei Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen und möglichst schon ab der siebten Klasse.
Zur Stärkung der Berufsorientierung und um mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu begeistern, sprach sich Kammerpräsident Stein für die Einführung einer Praktikumsprämie ein. Vorbild sei hier Sachsen-Anhalt. „Dort erhalten junge Menschen ab 15 Jahren eine Prämie, wenn sie sich freiwillig in den Schulferien im Rahmen eines Praktikums beruflich orientieren“, erläuterte er. Die Praktikumsprämie betrage dort 120 Euro für eine Schnupperwoche im Handwerk und könne bis zu viermal pro Jahr in Anspruch genommen werden.
13.326 Unternehmen gibt es im Bezirk der Handwerkskammer Oldenburg. Das sind 101 Betriebe mehr als zum Jahresbeginn. Sie erzielten nach HWK-Angaben einen Gesamtumsatz von rund 14,8 Milliarden Euro
93.800 Beschäftigte sind in den Handwerksbetrieben im Oldenburg Land tätig (Stand: 30. Oktober 2023).
6766 Auszubildende absolvieren zurzeit eine Lehre bei einem Handwerksbetrieb im Oldenburger Land. In diesem Jahr wurden 2554 neue Ausbildungsverträge eingetragen – ein Plus von 4,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Einen Lichtblick gab es in diesem Jahr am Ausbildungsmarkt. 2554 neue Ausbildungsverträge – und damit 4,3 Prozent mehr als im Vorjahr – seien in diesem Jahr im oldenburgischen Handwerk eingetragen worden. Henke wertete dies als „Zeichen für eine Trendwende nach der schwierigen Corona-Zeit“.
Auch insgesamt war die Stimmung im regionalen Handwerk wieder etwas besser als im Vorjahr. Der in der Herbst-Umfrage der Kammer ermittelte Konjunkturklimaindex, der sowohl die aktuelle Lage als auch die Erwartungen der Betriebe abbildet, stieg im Vergleich zum Vorjahr von 91 auf 103 Punkte. Er liegt damit aber immer noch deutlich unter den Werten früherer Jahre. „Wir nehmen positive Veränderungen in verschiedenen Branchen wahr, sehen aber auch eine schwierige Phase für das Bauhauptgewerbe“, sagte Stein.
60.000 Absolventen an Uni
Prof. Dr. Ralph Bruder, Präsident der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, wehrte sich in seinem Gastreferat gegen das „Klischee“, dass es eine Konkurrenz zwischen Hochschulstudium und Ausbildung gebe. Vielmehr gebe es eine „gemeinsame Verantwortung für die Sicherung von Fachkräften“, sagte er vor der Vollversammlung. Das zeige sich gerade auch regional. Die Uni Oldenburg habe in den vergangenen 50 Jahren rund 60.000 Absolventen gehabt. Viele davon seien in der Region geblieben. Auch dies sei ein Beitrag zur Fachkräftesicherung. „Das Thema Bildung ist fundamental sowohl für Hochschulen als auch für das Handwerk“, sagte er. Ausbildende Unternehmen und Bildungseinrichtungen vor Ort inklusive der Uni könnten und sollten hier ihre Kräfte bündeln, betonte er.
