HANNOVER - Ekber Calik muss in manchen Monaten jeden Euro dreimal umdrehen. Als Bezieher von Arbeitslosengeld II freut er sich deshalb über jede Sparmöglichkeit – insbesondere bei laufenden Kosten wie der Stromrechnung. „Ich habe selbst erlebt, welchen Unterschied es machen kann, wenn man auf den Energieverbrauch besser achtet“, sagt der 55-Jährige, der früher als Einzelhändler „nichts mit Stromthemen zu tun“ hatte.
Ehrenamtlich, aber geprüft
Das hat sich gründlich geändert. Heute ist Calik Stromspar-Berater. Ehrenamtlich zwar, aber mit einer ordentlichen Prüfung vor der Handwerkskammer, Chancen auf einen möglichen festen Job – und viel Begeisterung für die Sache. Zusammen mit neun Kollegen berät er in Hannover andere Hartz-IV-Empfänger in Energiefragen. „Es gibt auch Haushalte, die Sozialhilfe, Wohngeld oder Bafög bekommen“, erklärt er. Allen Kunden gemeinsam sei, dass sie nur wenig Geld zum Leben hätten.
Gerade in einer solchen Lage können schon vergleichsweise geringe Einsparungen einen großen Nutzen haben – davon ist Calik überzeugt. „Wir sind Ein-Euro-Jobber, haben selber wenig Einkommen. Aber wir haben uns gut ausbilden lassen und beraten nun andere“, erzählt der gebürtige Türke und deutet auf sein rotes Shirt mit dem Aufdruck „Stromkosten runter“.
Wie viele seiner Mitstreiter kam er über das Jobcenter der Region Hannover in die Initiative, die den Stromspar-Check gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt (AWo) und der örtlichen Klimaschutzagentur organisiert. Bundesweit gibt es inzwischen rund 80 ähnliche Vorhaben. Die überregionale Betreuung übernehmen die Caritas und der Bundesverband der Energie- und Klimaschutzagenturen, Geld kommt auch vom Bundesumweltministerium und der Regionsverwaltung in Hannover.
Wolfgang Schmidtke (59) ist seit gut einem Jahr Mitglied des Stromspar-Beraterteams. Auch er wurde zunächst nur „vermittelt“, wie er berichtet – hat mittlerweile aber viel Spaß an der Tätigkeit und hofft, mit Hilfe seines Prüfungszeugnisses von der Handwerkskammer Rhein-Main eine Festanstellung etwa als Hausmeister zu ergattern: „Das Energiethema war neu für mich. Aber: Probieren geht über Studieren.“ Seit April können angehende Stromspar-Checker aus ganz Deutschland in Frankfurt den Titel „Service-Berater für Energie und Wasserspartechnik“ erwerben.
60 Stunden Schulung
Die Absolventen durchlaufen zunächst eine 60-stündige Schulung bei der AWo und regionalen Klimaschutzagentur. Die Kammerprüfung ist neu. Danach gehen die Berater in die Haushalte, spüren Einsparpotenziale auf und rüsten die Interessenten mit Energiesparlampen, wassersparenden Duschköpfen und schaltbaren Steckerleisten aus. „Beim ersten Besuch machen wir eine Bestandsaufnahme, beim zweiten gibt es die Empfehlungen“, erklärt Schmidtke.
Wichtig ist ihm – wie Kollege Calik – die Identifikation mit den Kunden. „Manche sind erst skeptisch. Dann aber wundern sie sich, wie viel Geld sie vorher zum Fenster herausgeworfen haben.“ Pro Familie könne die Stromrechnung um bis zu 160 Euro jährlich gedrückt werden, wenn man etwa den Kühlschrank richtig einstellt und den Fernseher nicht ganztägig laufen lässt. Das sei für ihre Kunden eine ganze Menge.
Bei alldem gehe es den Stromspar-Checkern keineswegs darum, die Kunden „zu erziehen oder zu maßregeln“, betont Schmidtke. „Wir wollen bei den Menschen nur das Bewusstsein dafür wecken, welche Vorteile sie vom Energiesparen haben.“ So hatte eine Studie im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks ergeben, dass der reguläre Hartz-IV-Satz in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt oft selbst dann nicht für die Stromkosten reicht, wenn Mieter den günstigsten Anbieter wählen.
Damit den Hannoveranern – im Bundesvergleich liegen sie mit 1200 Beratungen laut Koordinator Ingo Reinhold unter den Top fünf – weiter der Spagat zwischen „sozial-, bildungs- und umweltpolitischer Arbeit“ gelingt, beraten sie auch auf Türkisch, Arabisch und Englisch. Und manche Ermahnung werde mit aufrichtigem Dank belohnt. Calik: „Wir waren auch schon auf einer Grillparty.“
