Hannover - Landwirtschaftlichen Betrieben in Niedersachsen fällt es zunehmend schwerer, Erntehelfer aus Polen oder Rumänien zu gewinnen. „Für einige Betriebe ist es ein Problem, was durchaus schon absehbar war im vergangenen Jahr“, sagte Bernd Eckhoff vom Kreisbauernverband Stade. Die osteuropäischen Länder hätten sich in den vergangenen Jahren wirtschaftlich weiterentwickelt - Arbeitnehmer fänden daher auch in ihrer Heimat adäquate Beschäftigungsmöglichkeiten. Zudem seien für junge Arbeitnehmer andere Branchen zunehmend attraktiver.
Ernte früher als gedacht
Auch das Wetter spiele eine Rolle: Die Erdbeer- und auch die Apfelernte beginne in diesem Jahr gut zwei Wochen früher als gedacht. „Da hat der eine oder andere Betrieb Mühe gehabt, sein Personal rechtzeitig auf die Betriebe zu bekommen“, sagte Eckhoff. Denn die Mitarbeiter aus Osteuropa warteten nicht darauf, 14 Tage früher nach Deutschland zu kommen. „Die Leute müssen sich Urlaub nehmen, sie müssen sich organisieren mit der Familie.“ Auch mit Blick auf die bevorstehende Apfelernte sei daher aus Sicht des Landvolks den Betrieben zu empfehlen, rechtzeitig Kontakt mit ihren Stamm-Erntehelfern aufzunehmen.
Schon zur Erdbeerernte seien einige Betriebe mit der Situation sehr gut umgegangen, andere hätten kleine oder große Probleme gehabt. Im Zweifel könnten die Früchte nicht geerntet werden, sagte Eckhoff.
In der Regel arbeiten die Betriebe jedes Jahr mit denselben Helfern zusammen. Das habe sowohl aus Sicht das Arbeitgebers und auch des Arbeitnehmers Vorteile. Beide wissen, was sie aneinander haben. Der Betrieb bekommt eingearbeitete Mitarbeiter, die die Abläufe kennen. Die Mitarbeiter wissen, wie ihr Arbeitgeber für sie sorgt.
Mehr als Mindestlohn zahlen
Um die Mitarbeiter an die Betriebe zu binden, müssten die Landwirte ihren Erntehelfern auch Dinge bieten, die über die Zahlung des Mindestlohnes hinausgehen, erklärte Eckhoff. Qualität der Unterkünfte, Freizeitangebote - so etwas müssten die Landwirte ihren Saisonbeschäftigten schon bieten. „Es ist auch ein Unterschied, ob die Mitarbeiter selber die Anfahrt zum Spargelstechen in Niedersachsen oder zur Apfelernte im Alten Land organisieren müssen, oder ob sie mit einem Bus geholt werden.“
Deutsche Arbeitskräfte fänden sich kaum für die körperlich anstrengenden Jobs auf den Feldern, sagte Sonja Kazma, Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit Niedersachsen/Bremen. Die Arbeitslosigkeit sei sehr niedrig, das Stellenangebot sei sehr groß.
Erntehelfer aus Osteuropa
Seitdem seit 2011 die Freizügigkeit für osteuropäische Arbeitnehmer in der EU gelte, und die Agentur für Arbeit daher auch keine Arbeitserlaubnis mehr erteilen müsse, sei die Arbeitsagentur auch nicht mehr bei der Vermittlung dieser Saisonarbeitskräfte gefordert. „Seit 2011 regeln das die landwirtschaftlichen Betriebe lieber selbst, weil sie im Ausland besser fündig werden.“
Um nach Arbeitskräften in Osteuropa zu suchen, haben die Landwirtschaftsverbände eine Webseite namens SinD geschaffen: Dort können die Landwirte ihre Betriebe einstellen und ihren Hof und die Arbeitsbedingungen vorstellen, sagte Eckhoff. Die Angebote werden automatisch in die einzelnen Zielsprachen übersetzt.
Politisch fordern die Landwirte, dass die Regel der 70-tägigen Sozialversicherungsfreiheit für die Saisonkräfte beibehalten werde, sagte Gabi von der Brelie, Sprecherin des Landvolks in Hannover. „Das soll Ende des Jahres wieder auslaufen und auf 50 Tage im Jahr gesenkt werden.“ Aber eine 70-tägige Periode wäre besser, weil die Arbeitskräfte so eine komplette Saison auf den Feldern und in den Obstplantagen arbeiten könnten. Mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) werde darüber gerade verhandelt.
Lesen Sie auch : In der Region droht Mangel an Erntehelfern
