Hollriede - Wenn Talke Meyer in ihrer gemütlichen Stube auf ihrem Lieblingsplatz sitzt und strickt, dabei die Aussicht auf den großen Garten und die Straße genießt, schwelgt sie gerne auch in Erinnerungen: In diesem Zimmer wurde sie nämlich 1927 als Talke, genannt Tali, Rademacher geboren. Ihr Elternhaus an der Augustfehner Straße 6 ist das erste Haus in Hollriede. Die Jahreszahl „1914“ ist in der Giebelspitze deutlich zu sehen. Das Mauerwerk, das auf Steinpfeiler gegründet ist, hat in den vergangenen 100 Jahren den Vor- und Nachkommen von Tali ein Zuhause geboten. Acht Kinder sind hier auf die Welt gekommen, die letzte Hausgeburt war 1950.
1914 kam Talis Großmutter, Witwe Elske Lüttmers, aus Leer, wo ein Brand ihre Bleibe zerstört hatte, mit ihren fünf Kindern nach Hollriede. Das gehörte zu jener Zeit noch zu „Nordaugustfehn“. Dort, wo weit und breit nur unzugängliche Landschaft, sumpfiges Moor und öde Heideflächen zu finden waren, siedelte sich Elske Lüttmers an. Geprägt von Zuversicht und Mut kaufte sie nicht nur dieses Moorkolonat, sondern auch noch ein weiteres, nahe gelegenes, dazu. Mit viel Mühe und Muskelkraft baute Elske Lüttmers ein massives landwirtschaftliches Gebäude mit Küche und zwei Schlafzimmern. Kühe, Schweine, Hühner, Schafe und ein Pferd gehörten damals zur Landwirtschaft.
Fentje Lüttmers, 1899 als jüngste Tochter von Elske geboren, heiratete 1921 Dirk Rademacher. Als drittes von insgesamt neun Kindern dieser Ehe wurde Tali 1927 in diesem Haus geboren. Der Platz war knapp, die Schlafzimmer zu eng. So zog die Familie 1929 für zehn Jahre ins benachbarte Ostfriesland. Oma Elske blieb in Hollriede zurück. 1939 folgte die Rückkehr: Fentje Rademacher kaufte das Bauernhaus von ihrer Mutter Elske Lüttmers.
Tali kann sich noch gut an ihre Kindheit erinnern: Wasser für Mensch und Vieh kam aus der Zisterne. Im Winter wurde Wasser auf dem Stangenherd erhitzt, um es für die Tiere zu erwärmen. Für die Beleuchtung gab es Stalllaternen. Waschgelegenheit für die Menschen bot eine kleine Wanne, die auf einem Ständer in der Küche aufgestellt wurde. Die Toilette war ein „Plumpsklo“ im Viehstall.
1949 heiratete Tali Meinhard Meyer und übernahm die Hofstelle. Gemeinsam führten sie bis 1978 die Landwirtschaft fort.
Aus dem nunmehr 100 Jahre alten Haus, das in den Jahren erweitert, immer wieder zeitgemäß renoviert und modernisiert wurde, ist ein schmuckes Wohnhaus geworden.
Auch die drei ältesten Kinder von Tali und Meinhard sind Hausgeburten, das vierte Kind wurde in Westerstede geboren. Im Elternhaus geblieben ist die Tochter Gisela, die mit ihrem Mann Alwin drei Söhne hat, die ebenfalls hier aufgewachsen sind. Mit Maik, Enkel von Tali, wohnt inzwischen sogar die fünfte Generation in dem ersten Haus von Hollriede.
