Heide - „Wir haben hier eine ganz typische Produktion“, sagte Hergen Kämena. Beim Ortsbesuch von Mitgliedern der CDU-Ratsfraktion öffnete der Geschäftsführer der Fleischerei Müllers Wurstdiele am Montagabend alle Türen und erklärte bereitwillig Maschinen, Abläufe und Herausforderungen seines Betriebs.
Betrieb nicht vergrößert
Das 1963 von Kämenas Schwiegervater Heinz Müller gegründete Unternehmen glänze seit jeher mit regionaler Ware, so der Inhaber. 1999 veränderte sich das Unternehmen, als Hergen und Sabine Kämena den Stammsitz, das Gut Nutzhorn in Heide, umfangreich sanierten und vier Ladenbetriebe aufgaben. „Wir hätten den Betrieb verdoppeln müssen, um alles zu halten“, sagte Kämena. Das wollte das Ehepaar jedoch nicht: „Wir wollen regional bleiben.“
Zu den Umbauten in Heide kamen in den Folgejahren auch moderne Technik wie Blockheizkraftwerke und Photovoltaik. Kämena: „Seit 2008 haben wir komplett nur Ökostrom.“ Neben rund 70 Prozent weniger CO
Sechs Filialen in Inkoop-Supermärkten in Delmenhorst und Ganderkesee – eine Kooperation, die seit 1965 besteht – sowie eine Filiale in Kaufland betreibt das Unternehmen derzeit. Insgesamt 80 Mitarbeiter werden damit beschäftigt, zehn davon in Heide, wo pro Woche bis zu sechs Tonnen an Fleischprodukten hergestellt werden. Die Nachwuchsgewinnung sei aber seit Jahren ein großes Problem, wie Kämena zugab. „In der Gesellschaft gibt es da einen sehr negativen Eindruck.“
Ganze Branche in Gefahr
Die Zukunft der Fleischerei-Branche sieht er deshalb durchaus in Gefahr. „Zwischen Oldenburg, Brake und Delmenhorst werden vielleicht 15 Fachverkäuferinnen im Jahr ausgebildet“, sagte Kämena. Vor allem Praktikanten gebe es heute kaum noch. Dabei habe der Beruf viele Facetten und erlaube die Spezialisierung in verschiedenen Bereichen.
Schulische Leistungen seien für ihn auch weniger wichtig bei interessierten Auszubildenden, so der Geschäftsführer. „Wenn jemand vor mir steht und das will, dann klappt das auch.“ Wichtig sei vor allem Leistungsbereitschaft.
Auf die enge Bindung zu den örtlichen Erzeugern ist Kämena sichtlich stolz. „Wir beziehen rund 80 Prozent der Tiere direkt von Landwirten“, sagte er. Aus Ganderkesee seien das vor allem die Höfe von Rainer Bücking und Cord Schütte. Daran ändern auch die bundesweit niedrigen Einkaufspreise nichts. „Mit den Landwirten rechne ich fair ab, die Preise für Schweine haben wir eingefroren.“
Keine Umsatzverluste
Die Frage der CDU-Mitglieder, ob der Umsatz in Zeiten von Klimawandel und veganen Lebensmitteln gelitten habe, konnte Kämena verneinen. „Verbraucher erwarten was von uns. Der Konsum geht generell runter, aber ich habe keine Rückgänge.“ Einen Grund dafür sieht er in der Regionalität, an der die Wurstdiele seit Jahren arbeite. „Auch die SB-Abteilungen in den Supermärkten laufen gut.“ Diese seien besonders bei berufstätigen Pendlern beliebt.
Die Frage einer eventuellen Nachfolge bleibt in Müllers Wurstdiele bislang offen. „Wir müssen uns jeden Tag neu erfinden“, beschreibt Kämena die Herausforderungen seiner Arbeit. Seine Tochter ist Lebensmittelingenieurin mit Fachrichtung Fleisch, aber noch sei nichts entschieden. „Man sollte Kinder nicht irgendwo hindrücken, wenn die das gar nicht wollen.“
